Sinn toppt Glück, Erfolg steckt im Detail und Prozess geht immer vor: Was ich mit einem Jahr Meisterstunde gelernt habe 

Seit Januar 2019 frage ich erfahrene oder hervorragende Menschen eines Faches nach ihren Lehren. Hier die 33 auffälligsten, schönsten oder schlicht hilfreichsten Sätze aus mehr als 20 Gesprächen. Die Bilder machte Gerald von Foris.  

Pater Anselm Grün am Rande einer Lesung.

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Erwarte nicht zu viel von dir, sagt Pater Anselm Grün: „Viele beklagen, dass sie sich nicht annehmen können, weil Bilder, die sie von sich haben, nicht mit der Realität übereinstimmen. Nun ist die Realität der Menschen meist nicht so schlimm – ihre Bilder sind lediglich zu groß.“

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Dienen bedeutet Leben wecken, sagt Pater Anselm Grün: „Führungskräfte sind nichts anderes als Ermöglicher, sie sind die Diener ihrer Mitarbeiter: Wenn sie das Leben in ihnen wecken, wird auch das wirtschaftliche Ergebnis stimmen.“

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Die Kindheit birgt Anhaltspunkte für die Wahl einer guten Arbeit, sagt Grün: „Wann spielten Sie als Kind leidenschaftlich, ohne müde zu werden? Wenn Sie in Ihrer Arbeit mit diesen Motiven aus der Kindheit in Berührung kommen, empfinden Sie automatisch Lust an der Arbeit.“

Astronautin Samantha Cristoforetti am Rande einer Lesung in München.

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Die Gefahr eines Verlustes führt ins in die Konzentration, sagt Astronautin Samantha Cristoforetti: „Durch mein Beinahe-Scheitern in der Ausbildung zur Kampfpilotin konnte ich mir die Erlaubnis geben, alles andere zu vergessen und mich nur auf diese eine Aufgabe zu fokussieren.“

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Geh das Risiko ein, Zeit zu verschwenden, rät Cristoforetti: „Manchmal muss ich etwas riskieren; manchmal ist es gut, auf eine Möglichkeit zu wetten, deren Realisierbarkeit oder Nützlichkeit ich nur ungefähr abschätzen kann.“

Philosoph Wilhelm Schmid am Rande einer Lesung.

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Sinn toppt Glück, sagt Lebenskunstphilosoph Wilhelm Schmid: „Sinn ist wichtiger als Glück – und er ist auch da, wenn wir unglücklich sind.“

Die Winzer Horst und Sandra Sauer in ihrem Weinkeller in Escherndorf am Main.

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Meisterschaft entsteht im Detail, sagen die Winzer Sandra und Horst Sauer: „Wein braucht Plan, das Wetter aber ist planlos. Wir versuchen uns deshalb in kleinen Schritten immer neu mit der Natur und dem Wetter auseinanderzusetzen.“

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Am besten, so Horst Sauer, erreicht man nie sein Ziel: „Und ehrlich gesagt mag ich das Gefühl, dass wir uns immer weiter verändern, dass wir nie ankommen. Wer als Winzer denkt, er sei angekommen, hat schon verloren.“

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Qualität entsteht aus Anspannung, sagt Horst Sauer: „Ein Mitarbeiter sagte mir mal ,Herr Sauer, Sie sind ganz schön schwierig.’ Ich fragte ,Warum?’ und er antwortete ,Weil Sie so genau sind.’ – Wir haben eine hohe Körperspannung, eine Wachheit, die Mitarbeiter nerven kann.“

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Sinnstiftende Arbeit führt zu Zufriedenheit, so Sauer: „Stress entsteht, wenn ich nicht weiß, wofür oder wohin ich arbeite. Freude kann entstehen, wenn ich sehe, dass die viele Arbeit richtig eingesetzt ist.“

Spielplatzgestalter Robert Schmidt-Ruiu in einem von ihm gebauten Haus.

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Selbstwirksamkeit erzeugt Glück, sagt Spielplatzgestalter Robert Schmidt-Ruiu, der mit Eltern Kinderspielplätze baut: „Die haben das noch nie gemacht, sägen an einem Vormittag 30 Eichenbretter ab, schrauben die Bretter ans Haus und sind zufrieden – weil das ihre Bretter sind.“

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Gut genug ist bisweilen besser, so Schmidt-Ruiu: „Helfer und Mitarbeiter sind total frustriert, wenn ich komme und etwas entferne und selbst neu mache. Das versuche ich zu vermeiden. Meine Kunst ist es, zu vertrauen und mit dem Ergebnis zufrieden zu sein.“

Bob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka in ihrem Trainingsquartier in Thüringen.

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Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis, sagt Bob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka: „Ich denke prozessorientiert, nicht ergebnisorientiert. Ich will nicht Erste, Zweite, Dritte werden, ich will eine bestimmte Passage perfekt fahren und eine bestimmte Startzeit schaffen.“ 

Der Concierge Georg Kaesler vor dem Bayerischen Hof.

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Es gibt immer einen Weg, sagt Georg Kaesler: „Eine alte Concierge-Regel sagt: Es gibt kein Nein, es gibt immer eine Lösung. Dieses Versprechen begleitet mich. Ich darf die Gäste allerdings wissen lassen, ob sie mir gerade eine einfache oder eine schwierige Aufgabe stellen.“

Künstlerin Silvia Hatzl in ihrem niederbayerischen Atelier.

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Das Gefühl für die Qualität einer Arbeit kann sich verändern, sagt Künstlerin Silvia Hatzl: „Meist komme ich nicht an das Bild von dem heran, was ich machen möchte, was in meinem Kopf steckt … 

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… Manchmal lege ich die Arbeit dann in den Speicher. Nach fünf Jahren krame ich sie wieder raus, habe kein Bild mehr dazu im Kopf und sage ,Es ist gut.’“

Geigenbauer Michael Jaumann in seiner Münchner Werkstatt.

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So geht lernen, sagt Geigenbaumeister Michael Jaumann: „Der Meister muss neben Ihnen stehen und sagen: Dieses hast du gut gemacht, jenes aber musst du noch üben und verbessern. Nur so kommt man weiter: Vormachen, nachmachen, korrigiert werden, dann üben, üben, üben.“

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Wer Wissen weitergibt, stärkt die Gemeinschaft, so Jaumann: „Es gibt Geigenbauer, die komplett alleine arbeiten. Was die gelernt haben, stirbt mit ihnen, das wird nicht weitergegeben. Das ist eigentlich schade. …

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… Eine Gesellschaft existiert, weil wir weitergeben, was wir lernen. Das ist die Grundlage von Kultur.“

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Nimm die Arbeit der Anderen wahr, sagt Michael Jaumann: „Ich gehe bewusst in die Konzerte der Musiker, deren Instrumente ich betreue. Ich sehe darin meine Arbeit. Nicht nur nehmen. Ich will auch geben und zeigen: Es interessiert mich, was du machst!“

Kabarettist und Autor Dirk Stermann vergangenen Sommer in Österreich.

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Such dir einen eigenen Pfad, rät der Kabarettist Dirk Stermann der nächsten Bühnengeneration: „Keine Ratschläge annehmen und nicht versuchen, etwas zu machen, das andere schon machen.“

Körpersprache-Experte Stefan Verra in München.

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Such dir ein Wissensfeld und bestelle es, rät Körpersprache-Experte Stefan Verra: „Die jahrzehntelange Konzentration auf das Thema Körpersprache bildet eine lange und stabile Vertikale in meinem Leben. Das erzeugt Glaubwürdigkeit.“ 

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Und Verra empfiehlt, das Mögliche und nicht den Mangel in den Blick zu nehmen: „Denken Sie beim Vortragen nie, was Sie falsch machen könnten. Denken Sie immer: Was ist möglich?“

Schriftstellerin und Krimiautorin Simone Buchholz in Hamburg.

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Fortschritt entsteht im Gespräch, sagt Simone Buchholz, Trägerin des Deutschen Krimipreises: „Echte Weiterentwicklung findet nur im Austausch mit anderen statt – egal ob sie Musik, Theater oder Fernsehen machen.“

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Bereite dich gut vor, sagt Buchholz allen Schreibern: „Recherche ist alles. Lerne die Welt kennen, in die du deine Figuren stellst. Dein Schwamm muss so voll sein mit Wissen, dass es nur so raustropft.“

Konditor Josef Sepp Schwalber in seiner Produktion in Olching.

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Am Ziel fängt die Arbeit erst an, sagt mir der Konditormeister Josef Schwalber: „Es ist einfacher, einen Level zu erreichen, als auf einem Level zu bleiben. Ich versuche meinen Mitarbeitern deshalb vorzuleben, dass „passt schon“ nicht gut genug ist.“

Kostümbildnerin Lisy Christl in München.

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Auch die größten Projekte haben einen Ausgangspunkt, sagt die Oscar-nominierte Kostümbildnerin Lisy Christl: „Ich suche in jedem Projekt nach der feststehenden Größe, nach dem zentralen Gedanken. Dann kann ich arbeiten.“

Geigenbauer Peter Erben in seiner Werkstatt in München.

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Stimmigkeit kommt ohne Worte aus, sagt Geigenbauer Peter Erben: „Eine Geige ist nur dann wirklich gut, wenn ich das Instrument anschaue und keine Lust habe, Fehler zu suchen.“

Schwester Liliane Juchli im Theodosianum Zürich.

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Der Blick auf die Anderen verrät nichts über uns selbst, sagt Schwester Juchli: „Vergleichen Sie nicht. Schauen Sie auf das Leben anderer Menschen, aber seien Sie sich darüber klar, dass es nicht Ihres ist.“ 

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Und weiter: „Schau im Leben nicht nur auf das, was nicht geworden ist, schau vielmehr auf das, was geworden ist.“ 

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Sinn entsteht durch Lieben und Geliebtwerden, so Schwester Juchli: „Für ein sinnvolles Leben müssen wir das Gefühl haben, gebraucht zu werden, und wir müssen einem Menschen in Liebe zugetan sein. …

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… Man soll also für jemand da sein und für etwas da sein. Das sind zwei wichtige Erfahrungen für ein sinnvolles Leben.“

SZ Magazin-Reporter Roland Schulz in München.

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Die besten Ideen stehen abseits, sagt Reporter Roland Schulz: Er fand die Inspiration für sein Sachbuch „So sterben wir“ in der Uni-Bibliothek, hinten im Regal, auf den letzten Seiten eines 1400 Seiten-Wälzers.