Der Benediktinerpater Anselm Grün über sein Verständnis von Arbeit: Dienen heißt, Leben in anderen zu wecken

Mehr als drei Jahrzehnte war er als Cellerar für die wirtschaftlichen Belange des Klosters Münsterschwarzach zuständig, seine 300 Bücher zu Lebenfragen verkauften sich weltweit 20 Millionen Mal: Ein Gespräch mit Benediktinerpater Anselm Grün über den inneren Schutzraum, die holprige Suche nach dem passenden Job und das Bedürfnis nach Hoffnung

Pater Anselm, Sie führten 36 Jahre lang die Geschäfte der Abtei Münsterschwarzach. Hatten Sie diese Position ursprünglich angestrebt?
Mein Wunsch war es nicht. Ins Kloster ging ich in erster Linie, um Theologie zu studieren. Dann kam der Abt und suchte einen neuen Cellerar. Mit einigem Zögern sagte ich zu. 

Gefiel Ihnen die Aufgabe?
Ich habe sie dann doch gern versehen. Durch einen guten Umgang mit Geld, das wurde mir bald klar, konnte ich der Abtei vieles ermöglichen. Zudem trat ich an, um eine andere Arbeitsatmosphäre zu schaffen, ein Miteinander, das die Spiritualität der Gemeinschaft hebt. 

Was haben Sie verändert?
Mein Anliegen war es, eine Atmosphäre des Vertrauens herzustellen, in der jeder mitredet, in der wir miteinander überlegen, wie wir arbeiten wollen. Mir ging es darum, die Motivation der Mitarbeiter zu stärken und sie zu ermuntern, selbst Ideen einzubringen. In den persönlichen Gesprächen lernte ich, wie sehr ich meinen Kolleginnen und Kollegen vertrauen kann. Ich kann und muss nicht alles kontrollieren. Nur wer misstraut, muss alles kontrollieren – und verbraucht dabei viel Energie. 

Als Cellerar lernten Sie die betriebswirtschaftliche Seite des Konvents kennen. Diese Erfahrung beeinflusste viele Ihrer Bücher, Sie schreiben oft über Arbeit und Führung.
Ja, die Arbeit befähigte mich, auch vor Führungskräften kompetent reden zu können. Würde ich in diesen Vorträgen und Kursen nur als Theologe reden, ohne Ahnung von konkretem Wirtschaften, wäre die Wirkung eine andere.

Sie sprechen in Kursen und Vorträgen häufig vor Führungskräften. Was vermitteln Sie?
Ich spreche über Werte und wie sie gelebt werden können. Werte machen ein Unternehmen und das Leben allgemein wertvoll. Ich spreche darüber, wie ich als Führungskraft eine innere Quelle finde, mit deren Hilfe ich, zum Beispiel, einem Burnout entgehe. Und natürlich beschäftige ich mich mit der Haltung von Führungskräften zu Mitarbeitern: Führen heißt für mich nicht, mich von Zahlen diktieren zu lassen, sondern bei Menschen Leben zu wecken.

Überlegen Sie: Wann spielten Sie als Kind leidenschaftlich, ohne müde zu werden?

Interessant ist, dass Sie in Ihrem Buch »Leben – nicht nur am Wochenende. Wie Arbeit lebendig macht« das Wort ›dienen‹ ähnlich interpretieren: Sie schreiben, dienen bedeute soviel wie ›das Leben in anderen wecken‹.
Das griechische Wort für ›dienen‹ ist ›diakonein‹. Der Diakon ist demnach soviel wie der Tischdiener. In dieser Arbeitsbeschreibung steckt viel: Wenn ich in eine gute Wirtschaft gehe, möchte der Tischdiener, der Kellner, dass mir das Leben schmeckt. Er möchte mit seiner Arbeit das Leben in mir wecken und hervorlocken. Führungskräfte sind nichts anderes als Ermöglicher, sie sind die Diener ihrer Mitarbeiter: Wenn sie das Leben in ihnen wecken, wird auch das wirtschaftliche Ergebnis stimmen. Wenn sie nur die Zahlen betrachten, werden sie die Menschen den Zahlen unterordnen. Und das tut ihnen nicht gut.

Sie beschäftigen sich auch mit der menschlichen Suche nach dem richtigen Dienst, nach der passenden Berufung, der richtigen Arbeit. In der Abtei Münsterschwarzach bieten Sie unter anderem Kurse mit dem Titel »Zeit für Veränderung – Beruf und Berufung im Einklang!« an. Dort raten Sie Teilnehmern unter anderem, sich Arbeit zu suchen, die mit ihren eigenen Bildern in Berührung steht. Wie meinen Sie das?
Überlegen Sie: Wann spielten Sie als Kind leidenschaftlich, ohne müde zu werden? Welche Bilder tauchen auf? Wenn Sie in Ihrer Arbeit mit diesen Motiven aus der Kindheit in Berührung kommen, empfinden Sie automatisch Lust an der Arbeit. 

Geben Sie mir ein praktisches Beispiel?
Ein Schulleiter in einem der Kurse war nah am Burnout. Er ging stets mit dem Bild in die Schule, die Kinder würden immer komplizierter, die Eltern würden anspruchsvoller und das Kultusministerium bürokratischer.

Das ist unangenehm.
Solche Bilder rauben Motivation. Als ich den Mann fragte, welchem Spiel er als Kind leidenschaftlich gern nachging, antwortete er, dass er sich liebend gern seine eigenen Welten baute. Ich legte ihm dann nahe, doch mit diesem Bild in die Schule zu gehen und dort auch wieder so etwas wie eine eigene Welt aufzubauen.

In welcher Form?
Ich kann nicht erwarten, in meiner Arbeit die Welt zu verändern. Ich darf mich aber auch nicht in die Rolle eines Opfers verkriechen, das vom Chef oder den Umständen geknechtet wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich, egal wo ich arbeite, eine kleine Welt aufbauen oder gestalten kann; ich kann als Schulleiter einen anderen Umgang mit Schülern und Lehrern pflegen; ich kann Kontakte zu mir gewogenen Menschen intensivieren; ich kann meine eigenen Maßstäbe ansetzen und mein persönliches Verständnis von Gemeinschaft vermitteln. Diese Möglichkeit gibt es in jedem Beruf. Die Idee, im direkten Umfeld zu wirken, die Gewissheit, eine eigene Welt gestalten zu können, motiviert die Menschen. 

Der Ansatz kommt einem Aufruf zur Selbstermächtigung gleich.
Ja, der Schulleiter ermächtigt sich selbst, indem er sich in die Kindheit versetzt und schöne Erfahrungen von dort in seine jetzige Tätigkeit transferiert. 

Und wie hilft dieses Vorgehen im Kampf gegen einen nahenden Burnout?
Ein Burnout kann ein Zeichen sein, dass ich mir fremde Bilder habe überstülpen lassen – wie eine Arbeit zu verrichten sei, wie man als Führungskraft zu sein habe, welche Erwartungen man erfüllen müsse. Ein Burnout ist für mich ein Zeichen dafür, dass ich nicht in Berührung bin mit den Bildern meiner Seele.

Benediktinerpater Anselm Grün, fotografiert von Gerald von Foris
Benediktinerpater Anselm Grün, fotografiert von Gerald von Foris

Sie geben Menschen auf der Suche nach einer passenden Aufgabe diesen Rat: ›Suche dir etwas, das nur durch dich ausgedrückt werden kann.‹ Das gefällt mir.
Spüre deinen Stärken und deinen Schwächen nach. Von welcher deiner Erfahrungen können andere profitieren? Was kannst du gut und was kannst du gut weitergeben? Die Antworten auf diese Fragen weisen einen Weg.

Sie sind Benediktiner und wirken mit ihren Büchern erstaunlich tief in die Gesellschaft – unter anderem, weil sie die Werkzeuge der Psychologie mit denen eines Geistlichen verbinden. Wie kam es zu dieser Verknüpfung?
Die Psychologie deckt meine eigene Wahrheit auf und hilft mir beim glauben. Ich will Gott ja mit meiner Wahrheit begegnen und nicht nur in die Spiritualität flüchten, weil ich dort schönere Gefühle vermute oder im Glauben der Realität ausweichen will. Außerdem steckt viel Psychologisches in der Spiritualität: Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung wies darauf hin, dass in den christlichen Symbolen ein großer Wert liegt, eine heilende Kraft. Zum Beispiel erkennt Jung im Kirchenjahr ein therapeutisches System: Die Feste und Bilder entsprechen der Seele und tun ihr gut. Solche Beobachtungen machten mir Mut, die Weisheit der christlichen Tradition vor einem psychologischen Hintergrund darzustellen.

Schreiben hält mich lebendig, weil dabei Fragen entstehen, zu denen ich recherchieren und lesen muss. Es ist ein Weg, meine Gedanken zu klären.

Ein wiederkehrendes Motiv in Ihren Arbeiten ist der »innere Raum der Stille«, der nicht nur im Glaubenskontext funktioniert. Was hat es damit auf sich?
Nehmen wir an, Sie besuchen im Rahmen Ihrer Arbeit eine Sitzung, in der Probleme auf Sie einprasseln. Wie gehen Sie damit um? Wie tief lassen Sie die Probleme in Ihr Inneres vordringen? Ich empfehle jedem, in der Vorstellung einen inneren Raum der Stille zu etablieren, in den sie sich zurückziehen können, zu dem kein Anwurf und kein Problem Zugang findet. Wenn Sie sich in der eingangs erwähnten Sitzung Ihres inneren Raumes der Stille bewusst werden, entsteht eine Chance: Sie können sich auf all diese Probleme einlassen, brauchen aber keinen Schaden zu fürchten – weil Sie wissen, dass da ein Raum in Ihnen ist, zu dem diese Probleme keinen Zutritt haben. Das Konzept kann helfen, zur rechten Zeit Distanz zur Umgebung zu wahren.

Was genau erfahre ich, wenn ich mir diesen Raum vorstelle?
Sie erfahren Schutz und Freiheit zugleich. Sie können Probleme relativieren. Wenn Sie wissen, dass es am Grund Ihrer Seele einen Raum gibt, zu dem die anderen keinen Zutritt haben, können Sie durch Anfechtungen hindurch erfrischt bleiben. Manche fragen, was mich befähige, im Rahmen meiner seelsorgerischen Arbeit hier in der Abtei immer neu den Krisen anderer zuzuhören? Das geht, weil es in mir diesen Raum gibt, zu dem das Gehörte keinen Zugang findet. Das Wissen darum gibt mir eine innere Ruhe und Gelassenheit. 

Schreiben Sie Bücher, um eigenen Nöten zu begegnen oder wollen Sie immer Lebensfragen Ihrer Leser beantworten?
Mit meinen ersten Büchern zeigte ich mir sicherlich selbst einen Weg. Heute versuche ich vor allem auf die Fragen der Menschen zu antworten. Richtig verstehen kann ich diese Fragen wiederum nur, wenn ich darin auch eigene Fragen erkenne. Das eine lässt sich nicht vom anderen trennen. 

Was macht das Schreiben mit Ihnen?
Es ist ein Weg, meine Gedanken zu klären. Schreiben hält mich lebendig, weil dabei Fragen entstehen, zu denen ich recherchieren und lesen muss. Schreiben verbindet mich mit der Welt.

Viele Menschen beklagen, dass sie sich selbst nicht annehmen können, weil die Bilder, die sie von sich selbst haben nicht mit der Realität übereinstimmen. Nun ist die Realität dieser Menschen meist gar nicht so schlimm, ihre Bilder sind lediglich zu groß.

Aus Ihrer Feder stammen rund 300 Bücher, die laut Ihrer Webseite weltweit in einer Gesamtauflage von 20 Millionen verkauft wurden. Sie schreiben den seelsorgerischen Monatsbrief »Einfach leben«, verfassen Kolumnen und Newsletter, bestücken einen Video-Blog. Sie pflegen eine erstaunliche Arbeitsdisziplin.
Was mein Zeitmanagement betrifft, schon. Ich brauche Disziplin, um immer weiterzuschreiben und nicht zwischendrin zu sagen: Ich habe jetzt keine Lust mehr, ich gehe in die Bibliothek und lese und bin für heute fertig. 

Sie erinnern in Ihrem Buch daran, dass Disziplin im Ursprung des Wortes gleichbedeutend sei mit »das Leben in die Hand nehmen«. Das ist eine erhellende Erinnerung, weil sie andeutet, wie Disziplin und Freiheit zusammenhängen: Das eine ist eine Voraussetzung für das andere.
So ist es. Die Benediktinerin Hildegard von Bingen sagte: Disziplin ist die Kunst, sich immer freuen zu können. 

Es gibt ein Wort, das in vielen Ihrer Publikationen auftaucht: Betrauern. Sie schreiben zum Beispiel, wie wichtig es sei, die eigene Begrenztheit zu betrauern – weil Probleme genau dort entstehen, wo jemand seine Begrenzungen nicht betrauert. Erklären Sie das bitte genauer.
Viele Menschen beklagen, dass sie sich selbst nicht annehmen können, weil die Bilder, die sie von sich selbst haben nicht mit der Realität übereinstimmen. Nun ist die Realität dieser Menschen meist gar nicht so schlimm, ihre Bilder sind lediglich zu groß. 

Das bedeutet?
Sie müssen Abschied nehmen von der Illusion, Sie seien perfekt und wunderbar. Diese Menschen müssen ihre eigene Durchschnittlichkeit betrauern. Nur wenn sie von bestimmten Vorstellungen Abschied nehmen, können sie ganz im Augenblick leben und die Umstände bejahen, in denen sie leben. 

Wie sehen derzeit Ihre Tage aus?
Sie sind sehr voll. Vorhin habe ich den Terminkalender der kommenden Woche angesehen und erkannt, dass ich kaum noch geistliche Begleitungsgespräche unterbringe. Heute Abend führe ich hier in der Abtei noch ein solches Begleitungsgespräch, dann nehme ich mit der Kamera kurze Impulse auf, in denen ich über dem Evangelium meditiere und die ich an den kommenden Sonntagen auf YouTube veröffentliche. Am frühen Abend fahre ich nach Heiligenstadt in Thüringen und spreche über mein Buch »Versäume nicht dein Leben«. 

Was denken Sie: Welches Bedürfnis stillen Sie?
Ich gebe den Menschen die Gewissheit, dass sie im Gespräch mit mir gehört werden, dass sie reden können ohne eine Bewertung spüren; ich gebe ihnen das Gefühl, dass sie zuversichtlich mit Ihren Problemen umgehen können. Hildegard von Bingen sagte: ›Ich kann Menschen nur begleiten, wenn ich darauf hoffen kann, dass ihre Wunden in Perlen verwandelt werden.‹ Ich stille, so glaube ich, das Bedürfnis nach Hoffnung.

Das Buch »Leben – nicht nur am Wochenende. Wie Arbeit lebendig macht« erschien im VierTürme-Verlag Münsterschwarzach. 

Fotos: Gerald von Foris