Die Ordensschwester Liliane Juchli übers Arbeiten: Der Mensch braucht Lob

Ein Gespräch mit der Schweizer Ordensschwester Liliane Juchli. Sie verfasste über Jahrzehnte hinweg das Standardwerk zur Krankenpflege — und wurde dann selbst krank

Frau Juchli, Ihr Krankenpflegelehrbuch galt lange Zeit als das Standardwerk für alle Auszubildenden. Wissen Sie, wann zum ersten Mal vom „Juchli“ die Rede war?

Liliane Juchli: Ach, relativ früh. Es gab ja sonst kaum etwas zum Fach. Bei mir ist damals auch zuerst die Rede von „dem“ Juchli angekommen.

Entschuldigen Sie, es muss „die Juchli“ heißen.

So ein Standardwerk, das muss doch von einem Mann sein, nicht wahr? Anfangs habe ich auch immer Post mit der Adresse „Herrn Professor Juchli“ bekommen. Das hat sich verändert.

Sind Sie stolz, dass Ihr Lebenswerk so eng mit Ihrem Namen verknüpft ist?

Das kam alles so langsam und war mit harter Arbeit verbunden. Für mich spielte es nie eine Rolle, ob die Menschen von der „Juchlibibel“ oder vom „Standardwerk“ sprachen.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie sich bei der Arbeit an Ihrem Buch überanstrengt haben und krank wurden?

Vielleicht. Während der Arbeit an der zweiten Auflage war ich klinische Schulschwester in St. Gallen, dann habe ich die Leitung der Krankenpflegeschule in Basel übernommen und gleichzeitig die Akademie für Erwachsenenbildung absolviert und an der Kaderschule Unterricht zum Thema klinischer Unterricht erteilt.

Das klingt nach viel Arbeit.

Eine Absage kam nicht infrage. Mit dem Bild der Ordensfrau verband sich damals ganz stark ein: „Es geht schon. Ich mach das auch noch.“

So rutscht man leicht in einen Zustand, den man heute Burn-out nennen würde.

Ich war Schulleiterin der Schwesternschule in Basel, da hat man keine Depression! Als ich so krank war, dass ich Hilfe brauchte, hat man allen gesagt, ich ginge in eine Spezialklinik. Von der Psychiatrie war keine Rede.

Wie sind Sie mit der Geheimniskrämerei umgegangen?

Wie soll man damit umgehen? Man wird einsam. Sehr einsam. Als junger Mensch geht man davon aus, dass man Kräfte hat und die einsetzen kann, wie man will. Die Erfahrung, dass es da Grenzen gibt, war für mich einschneidend.

Wie lange hat Ihre Erschöpfungsdepression gedauert?

Drei Jahre vielleicht.

Eine Psychiaterin sagte mir, es sei vermessen, das Leben ohne Rückschläge bewältigen zu wollen. Bestimmte Traumata würden die Reflexionsfähigkeit stärken.

Und den Reifeprozess. Ohne diese Einbrüche würden wir ja gar nicht die Kräfte mobilisieren, die mobilisiert werden wollen. Traumata sind nur unterschiedlich eingreifend. Ein Liebeskummer ist ein anderes Trauma als eine Naturkatastrophe, bei der man alles verliert.

Ist es nicht eigenartig, dass gerade eine Pflege-Expertin eine Erschöpfungsdepression erlebt?

Es ist ein anspruchsvoller Beruf, und wir stoßen wie andere Menschen auch an Grenzen.

Ist das die einzige Begründung?

Man kann krank werden, wenn zu wenig Resonanz da ist. Der Mensch braucht Lob. Er braucht die Bestätigung: Was du machst, ist gut. Diesen Satz auch mal auszusprechen war vor 30 Jahren noch nicht so üblich. Da kann eine Frustration entstehen, die zuerst unbewusst ist und dann an den Kräften zehrt. Das Wort Selbstpflege war damals außerdem noch kein Thema. Zur Pflege braucht es parallel die Selbstpflege. Das habe ich später auch in mein Pflegebuch geschrieben. Das konnte ich nur verbreiten, weil ich es selbst erfahren habe.

Wollten Sie immer Pflege-Expertin werden?

Ich wollte eigentlich für die Ingenbohler Schwestern in die Mission und war schon fünf Wochen in England gewesen, um Englisch dafür zu lernen. Dann aber rief man mich zurück. Man brauchte mich als Krankenschwester in St. Gallen. So bin ich nicht in die Missionen gekommen.

Waren Sie enttäuscht?

Zuerst war meine Trauer groß. Ich konnte es lange nicht richtig verkraften, dass ich nicht gehen konnte. Deswegen war ich ja Pflegerin geworden, deswegen wurde ich Schwester. Erst später wurde mir klar: Ich gehe ja diesen Weg, nur gehe ich ihn ganz anders. Mission bedeutete für mich Entwicklungshilfe, Hilfe zur Selbsthilfe. Heute würde ich sagen: Mein Weg, wie er gelaufen ist, ist nichts anderes als Entwicklungshilfe.

Reden Sie sich Ihre Enttäuschung schön?

Ich begleite heute Menschen in Krisensituationen und fordere sie oft dazu auf, den Visionen nachzugehen, die sie zum Beispiel als 14-Jährige hatten. Wie sahen die aus? Irgendwas von dieser Vision kann später jeder in seinem Leben entdecken.

Viele schauen aber aufs Leben zurück und denken: Das mit meiner Vision, das hat nicht so gut geklappt.

Genau! Weil sich Visionen vom eigenen Leben häufig nicht so erfüllen, wie man es meint. Aber erst wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass doch eigentlich alles drin war.

Wofür braucht es eine Vision?

Um voranzukommen. Ein Mädchen will vielleicht eine Prinzessin werden, ein Junge will ein Prinz werden. Wenn ich nach Berlin will, dann brauche ich eine Vision dafür, um das zu schaffen.

Sind Sie ein ehrgeiziger Mensch?

Als Kind war ich es nicht. Später: Ja.

Warum?

Mein Vater wollte kein Mädchen. Ein Mädchen verdient kein Geld. Unbewusst entwickelte sich in mir die Haltung: Dem will ich es zeigen.

Ihrem Vater?

Und der Welt. Der Motor liegt sicher so weit zurück, auch wenn ich den lange nicht wahrgenommen habe. Pflege hat mich interessiert. Wenn mich etwas interessiert, dann bleibe ich doch auch dran. Ich hätte von mir aus nie ein Buch geschrieben. Die Schulleiterin aber bat mich, die Unterlagen zu sammeln, die ich für die Pflegeschülerinnen zusammengestellt hatte. Es gab ja nichts. Mangel ist ein großer Motor.

Sie haben mit 60 Jahren die Arbeit am Buch abgegeben. Eine Form von Pensionierung. Ist es Ihnen schwergefallen?

Ich habe gespürt, dass es Zeit ist. Was ich nicht vorausgesehen habe: diese Erfahrung, etwas aus den Händen zu geben. Man hat es nicht mehr in der Hand. Es ist, wie wenn bei Mutter und Vater die Kinder aus dem Haus gehen. Es ist eine existenzielle Erfahrung, etwas, das 30 Jahre ein zentraler Bestandteil des Lebens war, herzugeben. Das Buch ist heute nicht mehr mein Buch.

Um was geht es im Alter?

Um eine Neuorientierung und um das Vertiefen des eigenen Seins. Und auch um das Gebrauchtwerden.

Ist mit dem Gebrauchtwerden der eigentliche Zweck des Lebens beschrieben?

Vielleicht. Der Psychiater Victor Frankl sagte sinngemäß: Für ein sinnvolles Leben müssen wir das Gefühl haben, gebraucht zu werden, und wir müssen einem Menschen in Liebe zugetan sein. Man soll also für jemand da sein und für etwas da sein. Das sind zwei wichtige Erfahrungen für ein sinnvolles Leben.

Kann man sich das Alter vorstellen?

Wir hatten hier eine Schwester, die immer gebrechlicher wurde und schließlich nach Ingenbohl in unser Mutterhaus wollte. Dort wurde sie nach einiger Zeit bettlägrig. Sie lag ein Jahr lang, konnte nicht mehr aufstehen, sie konnte nicht mehr selber essen, sie brauchte Sauerstoff. Ich habe sie gefragt: Wie kann man damit leben? Sie sagte: Erst denkt man, das geht nicht. Aber wenn es so weit ist, dann kann man’s. Das hat mir so viel Mut und Hoffnung gemacht. Wir wissen alle, dass der Winter kommt. Es wird kalt und kälter, ich selbst habe den Winter nicht gern. Aber wenn ich nur auf den Winter schaue, dann ist der Herbst schlimm, weil er der Weg zum Winter ist. Aber ich kann ja auch die Schönheit des Herbstes sehen. Es geht darum, wie ich hinsehe und wo ich hinsehe.

Und trotzdem kann man ganz schrecklich darunter leiden, wenn man sehr weit von seiner ursprünglichen Vision entfernt gelebt hat.

Viele Menschen sagen: „Ich habe das und das nicht oder falsch gemacht.“ Dann sage ich: Schau doch bitte hin, was geworden ist! Das gilt auch bei uns Schwestern. Viele leiden darunter, dass wir in unseren Ordensformen kaum Nachwuchs haben. Sie entwickeln ein Gefühl von Schuld an diesem Zustand. Ich versuche dann immer wieder aufzuzeigen, wie wir in den vergangenen 150 Jahren mit unserem Orden in die Welt hineingewirkt haben. Wir schauen dann auf das, was geworden ist. Und nicht nur auf das, was nicht ist. Das gibt Kraft.

Nun haben Sie mit dem Buch der Welt etwas Sichtbares hinterlassen. Kann es sein, dass Sie sich leichter tun, mit Ihrem Leben einen Frieden zu machen?

Viele meiner Mitschwestern haben ein weniger sichtbares Leben geführt als ich. Wir haben ganz tolle Frauen, die ein ganzes Leben nichts anderes gemacht haben, als in der Küche zu arbeiten – die das aber gern machten. Dass deren Lebenswerk weniger sichtbar geworden ist, ist unerheblich.

Wie werde ich gelassen alt?

Vergleichen Sie nicht. Schauen Sie auf das Leben anderer Menschen, aber seien Sie sich darüber klar, dass es nicht Ihres ist. Als ich jung war, wollte ich werden wie die heilige Theresia von Avila. Irgendwann habe ich gemerkt: Das werde ich nie sein. Nun kann ich entweder traurig sein, dass ich das nicht geworden bin. Oder ich kann sagen: Das war ihr Leben. Ich habe ein ganz anderes. Welches größer oder besser ist? Ich weiß es nicht.


Fünf Lehren aus Schwester Juchlis Leben und Arbeit: 

  • Sei fair zu dir und schau auf das, was geworden ist — und nicht auf das, was nicht geworden ist
  • Für das Gefühl von einem sinnvollen Leben müssen wir für jemand und für etwas da sein 
  • Mangel ist ein Motor 
  • Wir brauchen Lob — wir können krank werden, wenn wir mit unserer Arbeit keine Resonanz erfahren 
  • Visionen vom eigenen Leben scheinen sich nicht immer zu erfüllen. Und doch entdecken wir in der Rückschau viele Bestandteile einer Vision in unserer Biografie 

Foto: Otto Hofer, Thieme Verlag