Die Landwirtin Linda Kelly über Zusammenarbeit auf dem Hof: Ich rede immer vom »Wir«, nicht mehr vom »Ich« 

Mit der Auszeichnung zur »Landwirtin des Jahres 2019« wurde vor allem ihre Arbeit rund um die Produktion und Vermarktung der Süßlupine belohnt: Ein Gespräch mit Linda Kelly über die Entwicklung von »Lupinello«, die Vor- und  Nachteile mehrerer unternehmerischer Standbeine und gelingende Kommunikation zwischen den Generationen. Fotos: Gerald von Foris

Frau Kelly, wie stellen Sie sich Menschen vor, die Sie neu kennenlernen?
Ich bin die Lupinenkönigin (lacht).

Ein schöner Gesprächseinstieg.
Nein, im ernst: Ich bin Linda Kelly, 37, Mutter von zwei Jungs, verheiratet mit einem Iren und nicht verwandt mit der »Kelly Family«. Im landwirtschaftlichen Betrieb meiner Eltern kümmere ich mich vor allem um den Süßlupinenanbau, von der Produktion bis zur Direktvermarktung. 

Sie haben Ihre landwirtschaftliche Ausbildung 2019 abgeschlossen. Was haben Sie vorher gemacht?
Ich begann die Lehre schon vor 19 Jahren, gleich nach meinem Realschulabschluss. Zur gleichen Zeit steckte mit eineinhalb Jahren Vorsprung auch mein Bruder in derselben Ausbildung. Als klar wurde, dass er den Hof meiner Eltern übernehmen würde, wechselte ich und begann bei einem Hersteller für Forstmaschinen eine Ausbildung zur Industriekauffrau.

Das heißt, Sie arbeiten heute mit Ihrem Bruder und Ihren Eltern am Hof?
Nein, er ging schließlich in ein Angestelltenverhältnis. 

Wann kehrten Sie auf den Hof zurück?
Ich lebte immer zu Hause und musste in dem Sinne nicht zurückkommen. Als ich 2012 schwanger wurde, kehrte ich aber der Industrie den Rücken und begann später auf dem Hof meiner Eltern mitzuarbeiten. 

Wie sah der Betrieb 2012 aus?
Wir hatten im Jahr 2007 auf biologische Wirtschaftsweise unter dem »Bioland«-Siegel umgestellt. Das brachte viele Vorteile mit sich. Unter anderem ist im biologischen Landbau die Wertschöpfung je angebauter Kultur höher als in der konventionellen Landwirtschaft, aber der Aufwand natürlich auch. In Summe kann ich etwas unbeschwerter neue Kulturen anbauen und testen.

Sie bewirtschaften nach meinem Wissen 300 Hektar Fläche. Das ist in Ihrer Region nach meinem Wissen einiges.
Allerdings gehören uns davon nur 25 Hektar, den Rest haben wir gepachtet. 

Ihr Hof muss dennoch ein kräftiges Wachstum hinter sich haben.
Absolut. Mein Vater freut sich an der Vielfalt der Aufgaben. Darin findet er seine Zufriedenheit. 

»Stehen wir nicht vor dem Durchbruch? Sollten wir es nicht wagen?«

Was geschieht auf Ihrem Hof?
Der wichtigste Betriebszweig ist der Ackerbau auf 180 Hektar Land. Die anderen 120 Hektar sind Grünland: Wir trocknen den ersten Schnitt des Grases zu Heu und vermarkten es an Pferdebesitzer. Aus dem zweiten Schnitt wird Silage, die wir im Rahmen einer Kooperation an einen Bioland-Kollegen liefern, der sie in seiner Biogasanlage vergärt. Das verbleibende Substrat liefert er uns als Dünger für unseren Nährstoffkreislauf zurück. Darüber hinaus betreibt mein Mann einen Holzhacker für unseren eigenen Wald und für Gehölz aus weiteren 20 Hektar Landschaftspflege, die wir im Auftrag des Bundes für Umwelt und Naturschutz pflegen. Das gehackte Holz befeuert unser neues Blockheizkraftwerk, in dem ein Holzvergaser Strom und Wärme erzeugt. Außerdem mästen wir 50 Rinder und planen gerade Ferienwohnungen auf unserem Hof. Und natürlich ist da noch meine Lupinenproduktion. 

Wie haben Sie die Süßlupine für sich entdeckt?
Schon als Mädchen habe ich Blumenfelder angelegt und eine Kasse zur freiwilligen Zahlung daneben gestellt. Das würde ich heute allerdings nicht mehr machen. 

Weshalb?
Die Zahlungsmoral der Leute lässt nach. Und seitdem bei Aldi und Lidl Blumen für drei Euro an der Kasse stehen, pflückt kaum mehr jemand selbst.

Die Landwirtin Linda Kelly, fotografiert von Gerald von Foris
Die Landwirtin Linda Kelly, fotografiert von Gerald von Foris

Wie kam es dann zur Lupine und Ihrer Marke »Lupinello«?
Direkt neben dem besagten Blumenfeld erfror eines Winters unser angesäter Weizen. Uns blieb nur noch der Anbau einer sogenannten Sommerung im März, sonst wäre das Feld in dem Jahr brach gefallen. Wir entschieden uns für die Süßlupine, eine Hülsenfrucht. Während der Ernte begutachteten wir die weißen Samen in unseren Händen und dachten, dass wir was damit machen sollten. Wir experimentierten, mahlten die Kerne, rösteten sie und brühten sie auf. Das Ergebnis war ein Blümchenkaffee aus Süßlupine, der sehr gut schmeckte. 2014 ging ich damit auf den Markt. Bald aber fiel uns auf, dass wir mit der Lupine noch viel mehr machen können, vor allem wegen des Eiweißgehaltes der Samen. 

Pflanzliche Eiweiße sind heute vor allem in der vegetarischen Ernährung begehrt.
Viele Menschen essen fleischlos und suchen nach Eiweißprodukten. Deswegen habe ich Gas gegeben und diese Marke kreiert. 

Was wäre gewesen, wenn der Weizen nicht erfroren wäre?
Wir hätten auch ohne den erfrorenen Weizen getestet. Versuche mit Mohn oder Öllein gab es auf dem Hof schon früher, an der nötigen Fläche scheitert es bei uns nicht. 

Sie verkaufen heute Lupinenprodukte in allen Varianten – von gekochten Lupinenkernen in der Dose bis zum Gesichtsöl aus Lupine. In der klassischen Landwirtschaft wird der Rohstoff nach der Ernte für gewöhnlich aus der Hand gegeben. Kommt Ihnen diese Art des Arbeitens entgegen, bei der Sie vom Anbau bis zur Vermarktung alles in der Hand haben?
Das stimmt, in der klassischen Landwirtschaft wissen wir häufig nicht, wo die Produkte hingehen, die wir schaffen. Wir produzieren teilweise wie Marionetten: Uns wird gesagt, was wir anbauen sollen, welches Spritzmittel wir gegen welches Unkraut verwenden sollen und zu welchem Preis wir unseren Ertrag verkaufen können. In der Biobranche bestimmen wir viel mehr selbst, was und wie wir vermarkten.

Was bedarf es, um bei der Vielzahl der Arbeiten auf Ihrem Hof nicht den Überblick zu verlieren?
Es braucht Organisationstalent, Disziplin und Ausdauer. Die mit Abstand wichtigste Fähigkeit für die Arbeit auf einem Drei-Generation-Betrieb ist aber Kommunikationsstärke.

Inwiefern?
Wenn drei Generationen auf engem Raum von morgens bis abends zusammen leben und arbeiten, müssen sich alle immer wieder klar abstimmen.

Gehört Ihnen der Hof bereits?
Nein, meine Eltern sind noch tatkräftig. Jeder betreut aber seinen eigenen Betriebszweig und arbeitet dort eigenständig.

Essen Sie gemeinsam mit Ihren Eltern zu Mittag?
Nein. Mein Mann und ich setzen uns aber jeden Tag für einen Kaffee zu meinen Eltern, während sie frühstücken. Wir besprechen dann, was geschehen ist, was der Tag bringt, wer was macht. So kommen alle auf den gleichen Level. Und wenn ich recht überlege: So richtig allein bin ich mit meinem Mann untertags nie. Egal ob Kinder, Mitarbeiter oder Eltern, irgendjemand ist immer in der Nähe. Das erschwert die Arbeit. Wir haben kaum Zeit für uns. Und wenn wir dann doch einen Moment haben, nutzen wir ihn für geschäftliche Gespräche. 

Das bedeutet?
Wir müssen aufpassen, dass wir nicht im Eifer des Gefechts unser Miteinander vergessen – und uns selbst.

Was meinen Sie damit?
Ach, aktuell spüre ich, dass mein Körper immer wieder streikt. 

Das heißt?
Mich plagen Verspannungen. Einerseits durch die körperliche Anstrengung, andererseits durch den dauernden Stress, der auf den Organismus schlägt. Das ist nicht schlimm, aber es zwickt. Ich erkenne das und weiß, dass ich mich um mich kümmern muss.  

»Ich setze Prioritäten und versuche bei jeder Aufgabe im Hier und Jetzt zu sein.«

Welches Gegenmittel nutzen Sie?
Ich reite viel. Das gleicht mich aus und davon profitieren auch alle anderen. Seltsamerweise hat mein Mann gar kein Hobby. Bei ihm frage ich mich manchmal, wie er die Anstrengungen kompensiert. Immerhin, gemeinsam pflegen wir intensiven Austausch mit Freunden. Unser Ziel ist immer noch ein freier Tag pro Woche. Das ist aber momentan so noch nicht möglich: Mein Mann hat vor kurzem seinen Job in der Industrie gekündigt und arbeitet seit Februar auch auf dem Hof. Er ist gelernter Maschinenbauingenieur und hat das vorhin erwähnte Blockheizkraftwerk aufgebaut. So lange das noch kein Geld abwirft, tun wir uns schwer mit dem Kürzertreten. 

Wie verändert die Coronakrise Ihre Arbeit?
Das Anbaujahr fing für uns wie immer an: Wir säten wie in jedem Jahr die Lupinen und alle anderen Kulturen. Wir leben als Großfamilie mit drei Generationen unter einem Dach und mit viel Platz – die Kinder können jederzeit draußen spielen, als Selbständige kann ich mir den Tag so einteilen, dass ich ihnen bei den Schulaufgaben helfen kann. Wir spüren seit Beginn der Krise auch, dass unser Beruf wie auch andere Berufe wieder mehr Anerkennung erhalten – und die Lebensmittelversorgung ist wichtiger denn je. Die Menschen erkennen zudem mehr als früher den Wert einer regionalen Versorgung und wir hoffen, dass das auch nach der Krise so bleibt. Meine vielen Auswärtstermine für »Lupinello« sind natürlich alle abgesagt. So konnten wir aber ein paar Baustellen auf dem Hof abarbeiten, wie zum Beispiel die Renovierung unseres Seminarraumes.

Wie organisieren Sie grundsätzlich Ihre Arbeit?
Ich setze Prioritäten und versuche bei jeder Aufgabe im Hier und Jetzt zu sein. 

Das sagt sich vermutlich einfacher als es getan ist.
Natürlich. Aber soweit es bei der Menge an Arbeit geht, atme ich immer wieder kurz durch, werde mir bewusst, was anliegt, und priorisiere. 

Nennen Sie mir ein Beispiel.
Bestimmte Prioritäten sind täglich gesetzt. Wir halten 50 Rinder, die wir im Rahmen des Programms »Kauf ne Kuh« vermarkten: Wir schlachten die Tiere erst, sobald alle Teile verkauft sind. Und natürlich müssen die Tiere zweimal am Tag gefüttert werden, das übernehmen aber noch meine Eltern und der Mitarbeiter. Wichtigster Punkt auf der Prioritätenliste sind meist die Produktion und der Versand der Lupinenprodukte, die in meinem Onlineshop bestellt wurden.

Ist die Vielfalt der Arbeiten gut oder störend?
Die Vielfalt macht die Arbeit erst gut. Es gibt bei uns kaum Routinen. Ich kann am Morgen Kaffee rösten und sitze mittags auf dem Traktor. Diese Abwechslung gefällt mir. 

Welchen Rat geben Sie Töchtern oder Söhnen, die mit dem Gedanken spielen, in den Familienbetrieb einzusteigen?
Verlasse den Hof für eine bestimmte Zeit und lerne erstmal was anderes kennen. Solltest du den Betrieb dann übernehmen wollen, dann mach das nicht einfach, weil es Tradition ist. Überleg dir gut, was du damit machen möchtest. 

Ein sehr nützlicher Hinweis.
Die Motivation zur Arbeit ist eine andere, wenn ich weg war und ein Bild davon entwickeln konnte, was ich gerne machen oder verändern würde.  

»Ich rede immer vom »Wir«, nicht mehr vom »Ich«. So hole ich im Reden alle Beteiligten ab.«

Nochmal zurück zur Kommunikation am Hof: Welche Regeln beachten Sie beim Reden?
Als ich einstieg, hatten wir keine klaren Zuständigkeiten, jeder machte alles. Jetzt haben wir unsere Arbeitsbereiche abgegrenzt. So vermeiden wir Einmischung und Streit. (Überlegt) Die Zusammenarbeit fordert von jedem jeden Tag Rücksicht. Deshalb habe ich mich auch intensiv mit Kommunikationsmustern auseinandergesetzt und Bücher dazu gelesen.

»Aus der Hofgeschichte wissen wir: Es ist sinnvoller, nicht zu groß zu denken und nicht alles auf eine Karte zu setzen.«

Was haben Sie dabei gelernt?
Ich rede immer vom »Wir«, nicht mehr vom »Ich«. So hole ich im Reden alle Beteiligten ab.

Interessant.
Aber auch mir rutscht das »Ich« immer wieder raus, weil ich es so gelernt habe. Klar bin ich jetzt die Landwirtin des Jahres geworden – ich rede aber bewusst immer vom »Wir«, weil man auf einem Hof nur im Wir viel erreicht.

Funktioniert dieses »Wir« denn auch im Alltag?
Wir wissen, dass auf einem Hof der eine ohne das Tun des anderen nicht sein kann. Das »Wir« ist in unserer Arbeit angelegt, auch wenn jeder seine Verantwortungsbereiche hat. Ich werde meinem Vater ja nicht reinreden, wann er mit der Maschine auf seinen Acker fahren muss. Genauso wenig würde er mir aber sagen, wann und wie ich Lupinenkaffee zu rösten habe. Er sagt, was er macht und ich sage, was ich mache und ob ich seine Hilfe brauche – damit er planen kann. 

Sie verkaufen die Lupinenprodukte selbst, unter anderem in einem eigenen Onlineshop. Wenn Sie zurückblicken: Was war bei der Entwicklung Ihrer Arbeit seit 2012 besonders wichtig?
Alles Gute braucht Zeit – ein solches Projekt benötigt fünf Jahre, ehe es sich rechnet. Zum Glück stehen wir hier im Betrieb auf vielen Beinen und können uns die Geduld leisten. Und trotzdem mache ich mir Druck. Ich will, dass es vorwärts geht. 

Wo wollen Sie sich mit »Lupinello« hinentwickeln?
Ich möchte weitere Produkte an den Start bringen. Eine entscheidende Frage ist deshalb: Sollen wir richtig groß werden und die Kapazitäten erhöhen? Oder bleiben wir eher klein und bieten dennoch eine Vielfalt an Produkten?

Wie ist Ihre Tendenz?
Es gibt Menschen, die bei uns investieren möchten. Nur weiß ich nicht, ob ich mich so binden möchte, ob ich für ein mögliches Wachstum meine Entscheidungsfreiheit aufgeben will. Und ist es nicht ausreichend und schön, wie es ist? Das ist immer die Frage: Bin ich zufrieden oder muss es mehr sein? 

Wie würden Sie die Frage für sich derzeit beantworten?
Ich habe noch keine Antwort. Aus der Hofgeschichte wissen wir: Es ist sinnvoller, nicht zu groß zu denken und nicht alles auf eine Karte zu setzen. Dafür ist der Wandel in der Landwirtschaft einfach zu groß. 

Sie sprechen vom Vorteil, der sich aus den vielen verschiedenen Standbeinen ergibt: Wer diversifiziert, wirtschaftet sicherer.
Demnach wäre die Frage nach der Weiterentwicklung von »Lupinello« eigentlich beantwortet, oder?

Zumindest, wenn Ihnen Sicherheit ein Anliegen ist.
Und doch entsteht immer wieder dieses innerliche Gespräch: »Ach, jetzt haben wir es doch soweit geschafft. Stehen wir nicht vor dem Durchbruch? Sollten wir es nicht wagen?« 

Fotos: Gerald von Foris