Machen und Zuhören: Was ich vergangene Woche aus Interviews gelernt habe (#2)

Auf dieser Webseite frage ich die Besten eines Faches nach ihrem Wissen und ihrer Weisheit. Aber auch viele Kollegen spüren hilfreiche Lehren über gelingende Arbeit auf. Woche für Woche trage ich sie zusammen

1. Köchin Ana Roš sagt: Ohne Vorbild lernst du mehr

Für das SZ Magazin besucht Daniela Gassmann die slowenische Köchin Ana Roš. Netflix widmete ihr eine Sendung, ein britisches Magazin kürte sie zur Besten Köchin der Welt. Das Spannende: Roš hat sich, so sagt sie, alles selbst beigebracht:

»Kochen ist nichts für dumme Leute«, haben Sie mal gesagt. Kochen ist natürlich für jedermann, die gehobene Küche erfordert aber sehr viel Intelligenz. Ich legte mir eine ganze Bibliothek an, Sous-Vide Cuisine von Joan Roca beispielsweise verriet mir viel über die Zubereitung von Fleisch. Aber das Entscheidende war, dass ich einfach kochte. Ich ging Schritt für Schritt vor und machte aus allem eine Studie. Wenn man etwas zum dritten Mal versaut, versteht man den Prozess: Ich lernte, indem ich scheiterte.

Erinnern Sie sich an das erste Gericht, das Ihnen gelang? Eine Forelle mit Kartoffelravioli, gerösteten Algen und Forelleneiern. Wenn man auf die Pasta biss, explodierte sie, und die flüssige Kartoffelfüllung lief hinaus. Es war ein einfaches Gericht, aber es zeigte meinen Respekt vor dem Kochen. Noch heute schwärmen die Leute davon.

Was für Vorteile bringt es, Autodidaktin zu sein? Ich habe nie Helden gehabt, konnte niemanden kopieren und muss beim Kochen viel mehr nachdenken als andere.

Und die Nachteile? Manche Techniken habe ich nie gelernt. Vor Kurzem kochte ich mit Joachim (Joachim Wissler, Chefkoch im »Restaurant Vendôme«, Anmerkung der Redaktion) in Bergisch Gladbach ein Drei-Sterne-Menü. Als Pre-Dessert gab es eine Art Brot, das mit flüssigem Gorgonzola gefüllt war. Die Textur war besonders. Ich habe ewig überlegt, wie es gemacht wurde, und kam einfach nicht darauf. So etwas passiert aber nur noch selten.

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2. Swatch-Chef Nick Hayek sagt: Frag nach. Immer.

Für das Manager Magazin treffen Martin Mehringer und Martin Noé den Swatch-Chef Nick Hayek. Das Interview hat schon mehr als ein Jahr auf dem Buckel. Aber es gibt da diese eine Passage, in der Hayek das hier sagt:

Ich erzähle Ihnen mal eine Anekdote, durch die ich viel gelernt habe. Auf einer Verwaltungsratssitzung unserer gemeinsamen Firma mit Daimler, die damals den Smart entwickelt hat, waren auch hochkarätige Daimler-Manager präsent, zum Beispiel die Herren Hubbert und Zetsche. Diese Sitzungen liefen sehr formal ab, ich würde sagen konventionell. Auf einmal entbrannte eine technische Diskussion voller für mich noch nie gehörter Fachausdrücke. An einer Stelle hat mein Vater dann gefragt: „Was heißt das eigentlich?“ Alle haben sich entsetzt angeschaut, nach dem Motto: Wie kann der so was fragen, weiß er das etwa nicht? Es stellte sich dann heraus, dass keiner wirklich erklären konnte, was Sache war. Ehrlich gesagt, hätte ich mich damals nicht getraut zu fragen, aus Angst, mich zu blamieren. Meinem Vater war das egal. Es ging ihm um die Sache und nicht um seinen Status.

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3. Regisseur Michael Haneke sagt: Nur wer schlechte Arbeit sieht, erkennt gute

Für die Süddeutsche Zeitung trifft Philipp Stadelmaier den Filmemacher und Oscarpreisträger Michael Haneke („Das weiße Band“). Er spricht mit ihm über die Kunst des Drehbuchschreibens und stößt auf eine derart schillernd klare Weisheit, dass ich mir denke: Gebt mir sofort ganz viele schlechte Texte zu lesen!

Sie haben 1967 beim damaligen SWF, dem heutigen SWR, als Fernsehdramaturg begonnen, sind eigentlich durchs Schreiben zum Film gekommen. Das hat sich so ergeben. Ich hab ja eigentlich Philosophie studiert, was völlig sinnlos war (lacht). Als junger Mensch denkt man, durch Philosophie kriegt man die Antworten auf die großen Fragen der Welt, und das Einzige, was man merkt, ist, dass es keine Antworten gibt. Das Studium war schön für mich, aber beruflich nutzlos. Ich hab mich dann als Volontär beim SWF beworben, wo zufälligerweise der Fernsehspieldramaturg gerade in Pension ging. So wurde ich der damals jüngste Fernsehdramaturg in Deutschland. Ich sage immer, alles, was ich über Dramaturgie weiß, hab ich dort gelernt. Nicht, weil mir jemand gesagt hat, wie man es macht, sondern weil ich verpflichtet war, jeden Tag stapelweise eingesandte Manuskripte zu lesen. Daraus lernt man nämlich am meisten! Wenn Sie ein perfektes Buch in die Hand kriegen, sind Sie beeindruckt, erkennen aber nicht so leicht, wie das gemacht ist. Sie sehen es aber dort, wo es nicht funktioniert. Bei der Menge an meist schlechten Manuskripten war das eine gute Schule. Da musste man schnell kapieren, wo es hakt. 

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4. Der Geigenbaumeister Peter Erben sagt: Sieh zu, dass du am Stück arbeitest

Und nun doch ein Link zu mir selbst: Für diese Webseite habe ich den renommierten Münchner Geigenbauer Peter Erben getroffen. Monat für Monat baut er ein neues Instrument und stellt fest, dass Unterbrechungen nachgerade Gift für seine Werkstücke sind. Die besten Instrumente entstehen in einem Rutsch:

Die Kunst ist es, ein Instrument aus einem Guss zu bauen, in einer gewissen Flüssigkeit zu arbeiten. Baue ich erst die Schnecke, mache dann eine Pause und baue erst dann den Boden, entwickelt sich meine Hand weiter. Sie passt dann nicht mehr zur Ausarbeitung der Schnecke. Für ein Instrument, das ich vor zwei Jahren anfing, nahm ich mir eine Stradivari zum Vorbild. Entsprechend habe ich die Schnecke geformt. Nun sind zwei Jahre vergangen und ich nehme die Arbeit wieder auf — und baue eine neue Schnecke. Die erste gefällt mir nicht mehr, sie passt nicht rein. Es kann sein, dass sie für immer auf meiner Werkbank stehen bleibt und braun wird. Ich kann den Unterschied sehen, aber nicht erklären. 

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