Dranbleiben und Werden: Was ich vergangene Woche aus Interviews gelernt habe (#1)

Auf dieser Webseite frage ich die Besten eines Fachs nach ihrer Weisheit und ihrem Wissen. Aber auch viele Kollegen spüren hilfreiche Lehren über das Wesen guter Arbeit auf. Hier trage ich sie zusammen

1. Schraubenmacher Reinhold Würth sagt: Bleibe im Zustand des Werdens 

Für die NZZ besucht Benedict Neff den Schrauben-Guru Reinhold Würth, seinerseits ein Phänomen von inzwischen 83 Jahren. Würths Vermögen wird auf mehr als 13 Milliarden Dollar geschätzt. Das ist eine stattliche Menge Geld. Laut Forbes gehört er damit zu den zehn reichsten Menschen Deutschlands. Benedict Neff fragt Würth nach seinem Antrieb und bekommt diese Antwort:

„Sie kennen bestimmt Giovanni Segantini, den Maler aus dem Engadin. In St. Moritz hängt ein Triptychon mit dem Titel «Das Werden, das Sein und das Vergehen». Ich vergleiche Unternehmen immer mit lebendigen Gebilden. Jedes hat seine Zeit, alles, was lebt, findet einmal ein Ende. Ich versuche mein Unternehmen permanent im Zustand des Werdens zu erhalten. Es soll nicht bloss verwaltet werden. Ich brauche keine Kameralisten, die ihre Häkchen machen. Ein Unternehmen, das sich nur auf das Bewahren verlegt, befindet sich bereits im Zustand des Vergehens.“

Interessant ist, dass Würth die Grenzen des Werdens auf das Prozent genau beschreiben kann:

„Ich sage immer: Wenn ein Unternehmen nicht 10% wächst, ist es krank.“

———

2. Unternehmensberater Eberhard Weiblen sagt: Geh nie so weit voraus, dass die anderen dich nicht mehr sehen

Für die Welt am Sonntag wandert Birger Nicolai mit Eberhard Weiblen, dem Chef von Porsche Consulting, auf dem Roßfeld bei Metzingen. Das Gespräch dreht sich ganz passend um Weiblens Steckenpferd, das Bergsteigen. Eine dankbare Bildwelt, versteht sich von selbst, schließlich gilt es in den Bergen, wie im führungskräftlichen Alltag, Gipfel zu erklimmen und Gefahren zu vermeiden:

Wir sind hier auf 775 Meter Höhe. Reicht Ihnen die Gegend immer noch als Revier zum Bergsteigen aus? Seit vielen Jahren gehe ich zum Bergsteigen in die Dolomiten. Das hängt auch mit meinem Bergführer zusammen, mit dem ich regelmäßig Berge besteige. Er heißt Ivo Rabanser und stammt aus Südtirol. Von Ivo habe ich schon viel über Führung gelernt. Manchmal denke ich bei einer Tour: Da komme ich nie hoch. Dann klettert Ivo vor, und ich merke, dass es doch geht. Die Dinge lösen sich plötzlich auf, und es gibt neue Möglichkeiten. Ivo ist in vielen Bereichen ein Vorbild für mich. Er ist ein Ästhet, er ist kreativ und hat Humor.

Was sind denn so die Lehren eines Bergführers? Zum Beispiel ist es entscheidend, wie viel Zeit ich zur Verfügung habe. Einmal hat Ivo mir gezeigt, wie er vorwärts einen Teil des Bergs hinunterklettert. Vorwärts hat man die bessere Übersicht, es ist schneller, aber auch viel schwieriger. Erst wollte ich das nicht ausprobieren. Dann hat Ivo mich ins Seil genommen, ich habe es gemacht, und es ging. Ein anderes Mal waren wir in den Sextner Dolomiten an den Drei Zinnen unterwegs, als plötzlich ein Gewitter aufzog. Das Kreuz auf dem Gipfel war aus Metall und fing wegen der elektrischen Ladung in der Luft schon an zu sirren. Wir mussten uns schnell abseilen und herunterkommen. Da gab es nichts zu diskutieren. Das erlebe ich auch im Job. Wenn die Zeit fehlt, muss man Ansagen machen. Das sind manche Menschen nicht gewohnt.

Was macht einen guten Bergführer aus? Ein guter Bergführer geht nie so weit voraus, dass der andere Bergsteiger ihn nicht mehr sehen kann. Das ist für mich ein Prinzip der Führung. Es geht nicht allein darum, wie schnell der andere mitkommt, sondern er soll auch ein gutes Gefühl dabei haben.

———

3. Eberhard Weiblen sagt: Erfahre selbst, worüber du sprichst

Und gleich nochmal der Herr Weiblen. Er beschreibt, wie sich seine Berater bei den Klienten Glaubwürdigkeit erobern. Es geht, kurz gesagt, ums Anpacken:

Bei Ihren Kunden werden die Beschäftigten Sie doch nicht mit Jubel empfangen, oder? Es kommt immer auf die Wirkung an, die wir erzielen. Bei einem Flugzeughersteller in Italien haben die Mitarbeiter einen Streik begonnen, als wir kamen. Unser verantwortlicher Berater war gelernter Industriemeister aus der Pfalz. Er hat mit den Beschäftigten geredet und danach mit einigen von ihnen an der Fräsmaschine Flugzeugteile gefertigt. Da war das Eis gebrochen. Unsere Leute sind sich nicht zu schade, auch einmal in einer Wäscherei oder in einer Großküche mitzuarbeiten, wenn das zur Arbeit des Auftraggebers gehört.

Verbringen Sie auch mit den Managern Zeit bei praktischer Arbeit? Wir haben zum Beispiel mit dem gesamten Vorstand eines großen Flugzeugherstellers einen halben Tag lang Playmobil-Flugzeuge zusammengenbaut. Dafür haben wir verschiedene Rollen verteilt. Es wurde rasch klar, was es bedeutet, wenn etwa der Vertriebsvorstand dem Kunden einige Änderungen verspricht. So etwas nimmt großen Einfluss auf die gesamte Fertigung und die Lieferanten. Wenn wir ein Thema mit einem Erlebnis verbinden, haben wir damit meistens Erfolg.

———

4. Gründer Robert Bukvić sagt: Du musst dranbleiben

Es ist eine ganz gut abgehangene und etwas salzige Lehre, die der ehemalige Basketballbundesligaspieler und Rent24-Gründer Robert Bukvić den Süddeutsche Zeitung-Autorinnen Elisabeth Dostert und Felicitas Wilke vermittelt. Aber ich zitiere sie trotzdem. Der Mann hat schließlich Erfahrung, er spielte Basketball in der Jugendnationalmannschaft, studierte BWL in den USA und gründete dort sein erstes Unternehmen. Jetzt betreibt er einen riesigen Co-Working-Space in Berlin und strotzt vor Kraft:

Was raten Sie (Gründern)? Durchhalten. Das ist das Allerwichtigste. In jeder Gründungsgeschichte gibt es gute und schlechte Phasen. Wer nicht den Willen hat, seine Idee durchzuziehen, taugt nicht als Gründer.

Sind gerade gute Zeiten zum Gründen? Die Zeiten zum Gründen sind immer gut, man muss nur durchhalten und dranbleiben. Ich habe das im Sport gelernt.

Sie haben Basketball gespielt, waren sogar deutscher Nationalspieler. Ja. Da lernt man Disziplin, Motivation und Teamgeist. Gemeinsam schafft man mehr, gemeinsam gewinnt man Meisterschaften. Ein Basketballspiel gewinnt nie einer allein. Genauso hängt der Erfolg einer Firma nicht von einem allein ab. Wir haben hier viele motivierte Teams.

Basketball ist aber auch ein harter Sport? Ohne Blessuren kommt man nicht davon, das ist wie im Unternehmen. Man muss sich durchkämpfen.

———

5. Autorin Andrea Reinwarth sagt: Mach dich locker

„Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst.“ So heißt eines der bekanntesten Bücher der Bestseller-Autorin und Gelassenheits-Expertin Andrea Reinwarth. Kester Schlenz besucht die Deutsche für den stern an ihrem spanischen Wohnsitz. Er erlebt eine Frau, die mit der Am-Arsch-vorbei-Sache ganz gut verdient und den Ansatz, nun ja, auch selbst lebt:

„Mittlerweile hat Reinwarths Verlag auch aus ihrem Erfolgsbuch ein regelrechtes Arsch-Imperium erbaut. Es gibt Am-Arsch-vorbei-Ausfüllbücher, -Klebezettel, -Postkarten, -Wochenkalender, -Adventskalender, -Aufgabenhefte, -Haushaltsbücher, Gelassenheits-Soundmaschinen, Am-Arsch-vorbei-Shirts, -Taschen und -Becher sowie eine Buddha-Figur mit hochgerecktem Stinkefinger. Ein Problem mit dieser Vermarktungsstrategie hat Reinwarth nicht. „Warum auch? Solange es funktioniert.“ Vorwürfe, sie würde ihren Erfolg zu sehr auswalzen, gehen ihr genau wie schlechte Kritiken – man hat es nicht anders erwartet – „am Arsch vorbei“