Vergolderin Elke Gleim über’s Loslegen: »Und dann fängst du an und merkst: Die Probleme, vor denen du Angst hattest, sind keine«
Im Münchner Stadtteil Nymphenburg versieht Elke Gleim mit ihrem Team ein aussterbendes Handwerk: Sie vergoldet Rahmen. Ein Gespräch über die Bedeutung von Gold, Andy Warhol auf dem Ladentisch und die Gewissheit, dass nichts verloren ist.
Fotos: Gerald von Foris
Lesezeit: 6 Minuten
Frau Gleim, über dem Eingang Ihres Geschäfts steht noch in großen Buchstaben »Ehmer« …
Walter Ehmer hat mich hier vor 22 Jahren eingestellt. Er übergab das Geschäft an seinen Sohn, der 2009 aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. Dann übernahm ich mit einer Kollegin. Nach ihrem Ausstieg habe ich unter dem bewährten Namen weitergemacht.
Haben Sie 2009 gezögert, ob Sie das Geschäft übernehmen sollen?
Keine Minute! Es gab schon damals in Deutschland nur noch wenige Geschäfte, die so arbeiten wie wir hier.

Die Zahl der möglichen Arbeitsplätze ist demnach überschaubar?
Vergolder braucht keine Sau mehr.
Das klingt harsch.
Es ist die Wahrheit. In meinem Ausbildungsjahrgang im Vergolderhandwerk waren wir 20 Leute. Meine Gesellin ist vor einem Jahr fertig geworden: Die waren noch zu viert.
Das ist nur noch ein Fünftel.
Fast niemand lässt sich heute noch vergoldete Rahmen bauen. Deshalb bieten wir bei Ehmer, ganz klassisch, das Rahmen aller nur denkbaren Bilder an.
In der Werkstatt: Gesellin Louisa Irrgang absolvierte ihre Ausbildung zur Vergolderin bei Elke Gleim. 2025 wurde Louisa Deutsche Meisterin im Vergolden.
Für ein Rahmen-Geschäft müsste Nymphenburg eigentlich ein ordentlicher Ort sein, oder?
Auf jeden Fall, unsere Lage hilft. Erst vor Kurzem kam ein Kunde herein geschlendert – und legte einen frisch erworbenen Andy Warhol zum rahmen auf den Ladentisch. An anderen Tagen sind es Werke von Gabriele Münter, Francis Bacon, Wassily Kandinsky. Ich habe das Glück, mit dem irischen Maler Sean Scully arbeiten zu dürfen. Aber: Der berühmte Name ist manchmal gar nicht das Besondere.
Sondern?
Ein Mann kommt herein, zeigt mir das Schwarzweißbild einer Frau und sagt: »Das ist das einzige Bild, das ich von meiner Mutter habe. Können Sie es rahmen?« Was ist dieses Bild nun im Vergleich zu einem Bild von Gabriele Münter wert?
Gute Frage.
Ich passe auf dieses Foto mindestens so gut auf wie auf den Kandinsky.



Töpfe, Pinsel, Sieb: Ehe das Blattgold aufgebracht werden kann, wird der Untergrund mit Kreidegrund bestrichen. Hier die Vorbereitung
Warum sind Sie Vergolderin geworden?
Ich hatte eine Rechtschreibschwäche, die Schule war für mich schwierig. Aber die Kunst, die habe ich immer geliebt! Kunstgeschichte war und ist meine Leidenschaft. Eine Lehrerin machte mich auf den Beruf der Vergolderin aufmerksam, ich war 17 Jahre alt, auf dem Weg zur Mittleren Reife, fand das gut – und fing an.
Sie arbeiteten danach unter anderem in Amerika, bei Sotheby’s.
In der Restaurierungsabteilung, eineinhalb Jahre, das war echt cool. Wir sind zu Leuten wie Jon Bon Jovi oder Mary Tyler Moore nach Hause gereist und haben dort vor Ort Rahmen oder Möbel restauriert.
Was mussten Sie machen?
Zum Beispiel Stühle neu vergolden, deren Beine mit geschnitzten Löwen versehen sind: Wenn die Damen mit ihren Schuhen zu häufig dagegen stoßen, blättert das Blattgold.
»Ich schau nicht nach vorne und ich schau nie den ganzen Rahmen an, nur die nächsten Zentimeter.«
Sie haben danach noch bei einem Kirchenmaler gearbeitet.
Ich suchte nach meiner Rückkehr aus den USA Arbeit und landete bei den Neubauer Werkstätten in Bad Endorf, die unter anderem Kirchen restaurieren. Ich restaurierte die Goldoberflächen von Altären und Tabernakeln, eine coole Zeit.
Wir sprechen viel über das Restaurieren von vergoldeten Objekten. Wo auf der Welt gibt es noch Neuanfertigungen?
Bei uns, wie gesagt, kaum. Der aktuelle Herr im Oval Office in den USA steht auf Blattgold, das beobachte ich aus beruflicher Perspektive mit großem Interesse. Ansonsten passiert Neues mit Blattgold vor allem im Osten, also im arabischen Raum, in Indien, in Russland.
Was sagt Ihnen das?
Gold hat je nach Persönlichkeit, Kultur und Epoche eine andere Bedeutung. Die Ägypter haben die Totenmasken ihrer Pharaonen vergoldet – das war ein Zeichen von Unvergänglichkeit, von Macht und Reichtum. Deshalb haben auch die Kirchen viel mit Gold gearbeitet. Wohl wissend, dass schon ein Hauch Blattgold, 200 Nanometer dünn, den Eindruck von massivem Gold erzeugen kann.
Vergolden Sie selbst noch?
Wenig, weil ich zu häufig rausgerissen werde, nach vorne, in den Laden. So schade es ist, das Handwerk versieht vor allem mein Team.
Dennoch die Frage: Wie vergolde ich einen Holzrahmen?
Gehen wir die einfachste Variante durch: Auf den Holzrahmen trage ich zunächst Kreidegrund auf, eine Mischung aus Hautleim und Champagnerkreide oder Chinakreide oder Bologneserkreide …
Kreidegrund aufbringen
Was ist Hautleim? Was Champagnerkreide?
Hautleim ist ein organisches Bindemittel, das beim Auskochen von Tierhäuten zurückbleibt. Champagnerkreide zum Beispiel wird aus feinem Sedimentgestein gewonnen, das von den Schalen fossiler Kleinstlebewesen stammt. Sie kommt vor allem in der Champagne vor. Wir mischen Hautleim und Kreide und bekommen so einen guten Untergrund. Danach heißt es immer wieder aufs Neue: schleifen, auftragen, schleifen, auftragen, bis zu 16 Mal.
Verstehe.
Auf den Kreidegrund streichen wir in mehreren Schichten aufbereitete Tonerde, das sogenannte Poliment. So entsteht zusammen mit dem Kreideuntergrund eine gewisse Elastizität. Dann geht es zur Sache: Mithilfe eines Vergolderpinsels bringe ich vorsichtig das Blattgold auf und blase die Luft zwischen Rahmen und Blattgold heraus. Danach kann ich mit Achatstein das Blattgold polieren.
Blattgold und der Vergolderpinsel – der sogenannte Anschießer
Wie viele Schichten Blattgold kommen auf einen Rahmen?
Nur eine. Ein Hauch von Nichts mit einem riesigen Effekt.
Wie viel ist das Gold für einen Rahmen wert?
Gehen wir mal von 60 Blatt und zwei Euro je Blatt aus. Dann sind wir bei 120 Euro.
Das geht ja.
Vom Material her: schon. Aber das Aufbringen ist zeitintensiv. Die Ausstattung eines einzelnen Rahmens kann eine Woche dauern.
Was muss ich können, wenn ich meinen Rahmen richtig gut vergolden will?
Sie brauchen Erfahrung.
Was muss mit dieser Erfahrung einhergehen?
Eine Form vom Grundsicherheit. Ich war bei Sotheby’s, beim Kirchenmaler, bin seit 22 Jahren hier im Geschäft – nichts, was durch Ladentür kommt, bringt mich noch aus der Ruhe.
Brauchen Sie viel Geduld?
Mit Sicherheit. Als ich bei Neubauer in Bad Endorf war, haben wir einen Altar in einer Kirche in Fürstenzell restauriert. Ich stand davor, mit Mitte Zwanzig, und dachte: »Um Gottes Willen, das schaffen wir nie.«
Wie schaffen Sie es doch?
Ich schau nicht nach vorne und ich schau nie den ganzen Rahmen an, nur die nächsten Zentimeter.
Verstehe, Schritt für Schritt.
Ich erinnere mich an mein Gesellenstück: Sobald ich an das fertige Produkt dachte, wurde ich panisch. Aber man muss ja anfangen. Und dann fängst du an und machst und schleifst und merkst: Die Probleme, vor denen du Angst hattest, sind keine.
»Selbst wenn wir eines Tages alle weg sind – es gibt Mittel und Wege, das Handwerk zu beleben.«
Treibt es Sie im Stillen um, dass Ihr Handwerk ausstirbt?
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten meine Kollegen Konjunktur, weil es so viel zu restaurieren galt. Für den Wiederaufbau der Residenz haben sich die Vergolder damals eigens in die Formensprache von früher eingearbeitet, in die Ornamentik, in die Frage, welchen Lack ich an welcher Stelle nehme …
Das heißt, verlorenes Wissen lässt sich im Zweifel wieder einholen?
Ich denke schon. Selbst wenn wir eines Tages alle weg sind – es gibt Mittel und Wege, das Handwerk zu beleben. Ein Goldrahmen hält Jahrhunderte. Und die Art und Weise, wie er aufbereitet wird, hat sich über Jahrhunderte nicht verändert. Es kann sein, dass die Vergolder verschwinden. Aber ihre Arbeit, die bleibt.

Auf LinkedIn oder Instagram finden Sie ein kleines Video von unserem Besuch beim Team von Elke Gleim in Ehmers Rahmenwerkstatt.