Seidenweberin Maja Vogl über Lebendigkeit: »Ich webe Stoffe, die nicht eindeutig sind«

Sie lernte Weben in Bayreuth und studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Das Wissen aus beiden Gebieten verschmilzt in den Tüchern, die Maja Vogl in einem alten Schulhaus in Bernhardswald bei Regensburg webt. Es ist der Gegenentwurf zu Fast Fashion, mindestens eine Woche benötigt Vogl für einen ihrer farbensatten Seidenschals. Dazu zwölf Kilometer Seide, Schiffchen hin, Schiffchen her. Ein Gespräch über Übergänge in der Farbe und im Arbeiten.

Fotos (wenn nicht anders vermerkt): Gerald von Foris
Lesezeit: 7 Minuten

Frau Vogl, ehe wir über Ihre Arbeiten reden: Wie geht Weben?
Erst spanne ich die Kettfäden in den Webstuhl, das ist mein Gerüst. Den Schussfaden schiebe ich waagrecht zum Kettfaden hin und her, so verkreuze ich beide Fäden zum Gewebe. Mit den Fußtritten im Webstuhl kann ich die Kettfäden heben und senken. So entstehen verschiedene »Fächer«, durch die ich das Schiffchen schieße. Das wäre das Weben in sehr knappen Worten.

Sie haben früher mit Wolle und Leinen gearbeitet und verwenden heute fast ausschließlich Seide. Warum?
Die Seide kam mit einem der ersten Aufträge der Kirche in meine Werkstatt: Ich habe viele Messgewänder und Altartücher gewoben. 2008 bekam ich den Bayerischen Staatspreis für Seidenstolen und, noch wichtiger: ein Preisgeld von 5000 Euro. Damit habe ich eine Kiste voll wertvoller Seidenspulen gekauft – und angefangen, auch vermehrt Tücher und Stolen in Seide zu weben.

Kettfäden und Schussfäden im Webstuhl in Bernhardswald

Ihre Tücher und Stolen sind farbintensiv und kräftig. Wo kommt die Freude an der Farbe her?
Ich fing im Weben mit gedeckten Farben an, der Kettfaden war immer grau oder hellgrau, die Schussfäden eher dunkelblau oder dunkelbraun. Die Kettfäden haben unheimlich gut zwischen den Schussfäden vermittelt. Zugleich war die Farbgebung gedämpft – weil ich mich nicht so richtig traute, ins Helle zu gehen. Bis ich mich dann doch an die Knackfarben wagte.

Wie fing das an, mit den Knackfarben?
Ich kann es ziemlich genau festmachen. Ich war mit meiner Familie im Urlaub in Spanien am Meer. Dort, wo ich in der Früh geschwommen bin, hing eine katalanische Fahne, gelb und rot und dazu die blauen Fensterläden. Und da dachte ich: So einen Stoff könnte man doch auch mal selber machen. Tatsächlich habe ich dann eine Serie von Kissen gewoben – in gelb, rot und blau.

Der farbliche Umbruch hat Mut erfordert.
Ich kam aus einem strengen Verhalten der Farbe gegenüber. Diese Strenge konnte ich erst mit mehr Erfahrung aufgeben; mit mehr Vertrauen ins Material und in mein Können. In Spanien war es soweit.

»Knackfarben«: Seide, die im Regal auf ihren Einsatz wartet

Inwiefern war das Studium der Malerei eine Hilfe für das Weben?
Im Studium habe ich Sehen gelernt.

Wie meinen Sie das?
Wir sind mit unserem Professor Rudi Tröger in die Museen gegangen und haben dort und anhand unserer Arbeiten die Komplexität von Farbgebung diskutiert: Als Kind greifen wir, wenn wir Schatten malen, intuitiv zum schwarzen Stift; oder zum beigen Stift, wenn wir Gesichter malen. Aber Schatten ist viel mehr. Schatten ist lila, dunkelviolett, dunkelgrün. Gesichter sind nicht fleischfarben, sie sind gelb und grün und rot. Das musste ich erst sehen und erleben, um die Variation von Farben zu verstehen.

»Ich erforsche, was die Farbe in der Fläche macht, wie sie sich verändert, ineinander übergeht, wo sie Lebendigkeit erzeugt.«

Was zeichnet Ihre Arbeiten aus?
Die Feinheit des Materials, denke ich. Und dass ich bestrebt bin, eine relativ homogene Fläche herzustellen – ohne Muster und Reliefs. Ich erforsche, was die Farbe in der Fläche macht, wie sie sich verändert, ineinander übergeht, wo sie Lebendigkeit erzeugt.

Am Webstuhl

Ist Lebendigkeit ein Grundanliegen Ihrer Arbeit?
Auf jeden Fall. Ich bin Handwerkerin und muss etwas machen, das die Industrie nicht kann: Ich will Stoffflächen erzeugen, die vibrieren.

Wie geht das, Vibration erzeugen?
Ich webe Stoffe, die nicht eindeutig sind. Ein blauer Schal ist bei mir nicht nur blau. Ich nehme schwarze und braune Töne auf, die ineinander über fließen und im Schal eine lebendige Fläche erzeugen. An solchen farblichen Übergängen habe ich fast zehn Jahre lang gearbeitet. Nun aber ebbt diese Phase langsam ab – und ich bin gespannt, was als nächstes kommt.

Was könnte als Nächstes kommen?
Ich weiß es überhaupt nicht. Ich bin auch noch ein bisschen ängstlich, weil ich nicht weiß, was mir Neues einfallen kann. Aber ich kenne das Gefühl, etwas wird kommen.

Woher kommt die Anregung für die nächste Phase?
Die Anregungen kommen meist aus der Natur. Aus der Betrachtung von Blumen, während Spaziergängen, im Botanischen Garten. Ich baue fanatisch Tomaten an, in meinem Garten wachsen gut 40 verschiedene Sorten.

Oh.
Manche schmecken nach Mango, andere nach Essiggurken. Und natürlich die Farben:  schwarz bis hellgelb, jede anders. Von dort kommt Inspiration. Oder von der Fuchsie in unserem Flur, die noch so spät geblüht hat. Dieses Pink mit dem Dunkelgrün und Hellgrün und dann so Bordeauxrot noch dabei. Das ist jetzt in meinem Kopf.

Farben- und Aromenvielfalt: Im Flur des Schulhauses, in dem Maja Vogl mit ihrem Mann, dem Maler Richard Vogl, lebt und arbeitet, reifen Tomaten nach. 

Wann wissen Sie, dass eine Arbeit gut ist?
Bei jedem Weben passiert eine Kleinigkeit, die ich erst beim Bügeln entdecke, ein Fehler, der mich ärgert. Aber meine Erfahrung zeigt: Die Erinnerung daran verschwindet nach einigen Monaten, die ich den Stoff liegen lasse. Hinzu kommt: Wenn die Schals ganz neu sind, frisch gebügelt, dann haben die noch nicht die schöne Oberfläche, die sie nach ein paar Wochen oder paar Monaten haben. Sie scheinen in der Schublade nachzureifen und werden erst dort zur Einheit. Und am schönsten werden sie natürlich durchs Tragen.

Wie planen Sie einen Schal?
Intuitiv, am Webstuhl. Klar, ich muss die Kette planen. Aber wenn der Kettfaden erst einmal am Webstuhl ist, dann kann ich eben doch sehr intuitiv arbeiten.

Machen Sie Entwürfe?
Ich habe schon Entwürfe gezeichnet, die ich dann weben wollte. Aber das funktioniert für mich überhaupt nicht.

Weshalb?
In dem Moment, in dem ich einen Entwurf habe, ist der Antrieb erledigt. Dann gibt es das ja. Dann muss ich es nicht wiederholen.

»Seide muss ich sorgfältig behandeln. Das ist nichts zum Verbrauchen im eigentlichen Sinne.«

Welche Beziehung entsteht zur Seide?
Eine große Liebe und auch Respekt. Das ist ein Naturmaterial, das uns ein Tier zur Verfügung stellt: Die Schappesseide zum Beispiel entsteht aus dem Kokon eines Schmetterlings, der seine Brutstätte verlassen hat. Dieses Material muss ich sorgfältig behandeln. Das ist nichts zum Verbrauchen im eigentlichen Sinne.

Stolen von Maja Vogl (Fotos: Eva Jünger)

Die Textilproduktion hat sich verändert, aus Asien kommt nicht nur die Seide, die Sie nutzen, sondern auch Fast Fashion. Verändert diese Entwicklung Ihre Arbeit?
Ich war neben dieser Entwicklung immer ein Dinosaurier in der Landschaft. Und bin es noch immer. Es trifft mich, dass Menschen einen Schal aus Indien für 5 Euro kaufen und dadurch jede Idee verlieren, was meine Arbeit wert ist.

Wie lange arbeiten Sie an einem Schal?
Eine Woche, etwa. Oder sagen wir: mindestens.

Zur Verleihung des Danner-Ehrenpreises schrieb der Künstler Franz Xaver Höller über Ihre Arbeit am Webstuhl: »Die Frage, wie diese Gewebe letztlich gemacht sind, tritt zum Glück in den Hintergrund, viel spannender bleibt das rätselhafte Zustandebringen ihrer unerklärbaren Ausstrahlung. Obwohl die stoffliche Substanz mit Händen zu greifen ist, entzieht sie sich letztlich doch dieser Art der Aneignung, sie wird schlicht unfassbar und bleibt zu Recht ein verborgenes Geheimnis.« Ich versuche es trotzdem: Können Sie dieses Geheimnis beschreiben?
Ich webe seit fünfzig Jahren. Vieles läuft instinktiv, aus einem Erfahrungswissen, das ich in Tausenden von Stunden beim Weben entwickelt habe, das da ist und vortritt, wenn ich es brauche. Das ist, denke ich, das Geheimnis, von dem in diesen Worten die Rede ist: Mein Wissen kommt, ohne dass ich danach suchen muss – wenn ich es am meisten benötige.

Maja Vogl wurde unter anderem mit dem Danner-Ehrenpreis ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für kunsthandwerkliches Arbeiten. Mehrere Jahre leitete Vogl die Nürnberger Gobelin-Manufaktur. Dort wurden über Jahrzehnte hinweg in einem speziellen Verfahren Wandteppiche gewebt. Mehr zu den Arbeiten von Maja Vogl auf majavogl.de