Restaurator Matthias Wittner über Steinbearbeitung: »Leicht muss es sein«

Er lernte Steinmetz und Restaurierung und wurde Experte für den Stein aus dem Weltall: Ein Besuch in der Werkshalle von Matthias Wittner nahe Nördlingen, wo er mit seinem Team das nachbildet, was über die Jahrhunderte an Denkmälern oder Kirchen verloren ging. Wir reden über das Wissen von einst, nachempfundene Drachen und den Meteoriteneinschlag.

Lesezeit: 8 Minuten 
Alle Bilder: Gerald von Foris

Steinlager auf Matthias Wittners Werksgelände

Herr Wittner, wo sind wir hier?
Im Gewerbegebiet von Deiningen bei Nördlingen, auf einem Grundstück mit 8000 Quadratmetern. Im Zentrum steht die Werkshalle, die noch mein Vater gebaut hat.

Sie bearbeiten Steine, das heißt Sie schneiden kubikmetergroße Klötze in Tranchen und behauen sie dann.
Ja, heute. Als ich den Betrieb 2016 übernommen habe, haben wir noch vieles gemacht: Grabsteine, Bauprojekte, Steinbearbeitung, Restaurierung, Denkmäler. Es war alles und nix und dadurch ein bisschen seelenlos. Ich habe dann alles auf Links gedreht. Ich beschäftige nur noch vier statt 15 Mitarbeitern und wir konzentrieren uns voll auf den Denkmalschutz.

Keine Grabmale mehr?
Die Friedhofsarbeit ist nicht meins. Viele Kollegen kaufen die Steine heute fertig oder halbfertig ein und versetzen sie dann lediglich, das hat mit Steinbearbeitung wenig zu tun.

Was ist das Schöne an der Arbeit mit und an Denkmälern?
Die Objekte wurden vor Jahrhunderten geplant und gebaut, mit Leidenschaft und Intention. Das ist genau mein Thema.

»Das Haupttelegrafenamt in Berlin entstand mit Nördlinger Suevit«

Worum geht es beim Restaurieren von denkmalgeschützten Objekten?
Wenn ich für ein historisches Gebäude ein Stück nachbilden soll, dann muss ich mich mit der charakteristischen Oberflächenbearbeitung auseinandersetzen, die je nach Epoche, Region oder Gesteinsart variiert. Unsere Aufgabe ist es immer, die Ästhetik herzustellen, mit einem Mix aus verschiedenen Techniken, immer in Anlehnung an die historische Bearbeitung, nur leicht modifiziert.

Spazieren wir durch Ihre Werkshalle. Was sehe ich hier in den vielen blauen Plastikkisten?
Darin sind Natursteinbrechsande.

Wozu dienen die?
Das ist eine Spezialisierung, die wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben. In Bereichen, in denen wir den Stein nicht austauschen, machen wir eine Mörtelergänzung. Damit dieser Mörtel möglichst gut passt, ist es sinnvoll, ihn mit den passenden farbigen Steinsanden anzusetzen. Deshalb haben wir hier auch einen Backenbrecher, mit dem wir verschiedene Steinblöcke aufbrechen und zerkleinern. Dann sieben wir das Material zu Sand.

Wir treffen uns im Nördlinger Ries, einem Krater von gut 20 Kilometern Durchmesser, der vor mehr als 14 Millionen Jahren mit einem Meteoriteneinschlag entstanden ist. Inwiefern hängt ihre Arbeit mit der Region zusammen?
Durch den Meteoriteneinschlag entstand am Kraterrand der sogenannte Suevit, ein sogenanntes Impaktgestein. Daraus wurde unter anderem im 15. Jahrhundert die Pfarrkirche St. Georg in Nördlingen gebaut.

Die Kirche ist weithin sichtbar, weil sie mitten im Krater steht. Ich habe gelesen, dass sie immer neu instand gesetzt werden muss. Warum?
Der Suevit ist sehr witterungsempfindlich, weshalb die Kirche immer wieder saniert und restauriert wird. In den vergangenen zehn Jahren waren auch wir an der Sanierung beteiligt. Leider kam dabei nicht nur der Suevit zum Einsatz, sondern auch der helle Mainsandstein

Suevitblöcke

Tatsächlich sehen die sanierten Teile der Kirche manchmal recht gefleckt aus.
Ja, das ist der grün-graue Suevit neben dem weißen Sandstein. Der Bauherr hat es so entschieden, deshalb haben auch wir anfangs nur den Sandstein verwendet.

Suevit wurde aber nicht nur hier in Nördlingen verwendet, richtig?
Um die Jahrhundertwende wurde der Stein von hier exportiert und kam unter anderem beim Bau von öffentlichen Gebäuden in ganz Deutschland zum Einsatz. Das Bundesbahn-Zentralamt in München oder das Haupttelegrafenamt in Berlin entstanden mit Nördlinger Suevit. Offenbar stand ein Architekt eines verantwortlichen Planungskonsortiums eines Tages in Nördlingen vor St. Georg und dachte: »Suevit soll es sein. Der sieht nicht so langweilig aus.« In der Folge ist hier eine ganze Natursteinindustrie entstanden.

Gefleckte Fassade: St. Georg in Nördlingen

Sind Sie Suevit-Experte?
Zwangsläufig. Als 2016 das ehemalige Telegraphenamt am Münchner Hauptbahnhof saniert werden sollte, bekam ich die Anfrage, ob wir 1000 Tonnen Suevit aufbereiten könnten. Das war meine Chance, Erfahrung zu sammeln: Wo baue ich den Suevit ab? Wie verarbeite ich den? Welche Werkzeuge brauche ich? Mit dieser Erfahrung im Gepäck habe ich dann auch in Nördlingen an St. Georg gearbeitet – und es geschafft, dort mit der Zeit mehr Suevit als Mainsandstein zu verbauen.

Gehen wir Ihre Arbeit Schritt für Schritt durch. Hinten an Ihrer Werkshalle hält ein LKW mit unbearbeitetem Suevit. Woher kommt der?
Aus einem Steinbruch am Riesrand. Ich hebe den Stein mit dem Kran runter und lagere ihn draußen. Oder ich hebe ihn zur Verarbeitung gleich auf einen Gatterwagen. Den fahre ich unter das Trenngatter: Ein großes Schwungrad treibt eine Säge an und ich mache einen Probeschnitt und schaue nach Rissen.

Was steht jetzt im Moment auf Gatterwagen?
Das ist ein Eisen-Sandstein aus Lauchheim, ein regionaler Stein, der in ganz wenigen Bereichen auch an der St. Georgskirche verwendet wird. Viele Denkmäler hier in der Region sind mit Eisen-Sandstein gebaut.

Lauchheimer Eisen-Sandstein auf dem Gatterwagen: Das Wasser kühlt beim Schneiden und bindet Staub

Wie geht es weiter?
Wenn der Stein trägt, mache ich mein Aufmaß und schneide das Stück runter, das ich brauche. Aus dieser Tranche entsteht mein Hüll-Quader. Den bereite ich mit verschiedenen Werkzeugaufsätzen für meine Arbeit vor.

Diese umfangreiche Form der Steinverarbeitung, machen das noch viele Steinmetze?
Das ist völlig aus der Mode, weil es dazu Personal braucht und weil die Maschinenwartung aufwendig ist. Weltweit gibt es große Industriebetriebe, denen Sie nur eine Zeichnung und einen Steinwunsch schicken müssen und dann wird vorgefertigt oder endgefertigt und geliefert.

Sägeblätter in Matthias Wittners Werkshalle

Warum halten Sie die Verarbeitung in dieser aufwendigen Form aufrecht?
Ich bin hochspezialisiert und kann auf Wunsch jede Woche ein Suevit-Stück herstellen und liefern – während Sie auf das Ergebnis aus der Industrie manchmal bis zu drei Monate warten. Zugleich sehe ich natürlich, dass es nicht leicht ist, diesen Ansatz beizubehalten. Neulich hat es das Lager eines Rades vom Gatterwagen zerlegt. Man findet kaum noch Monteure, die sowas reparieren. Ich habe jemanden im Bayerischen Wald, der schickt mir Teile, die ich dann manchmal selbst einbauen muss – unter Anleitung, im Videocall. Der Monteur hat zu wenig Mitarbeiter, die er schicken kann.

Hm.
Sie müssen sich hier echt mit vielem auseinandersetzen. Mit CNC, CAD, Bildhauen, Restaurieren, Reparieren. Das ist der mühsame Weg – für mich aber der einzig sinnvolle und erfüllende.

Macht es Spaß, alle Schritte im Blick zu haben?
Ja klar! Das hilft mir in allen Projekten, dass ich dieses Know-How habe und nie bei Null anfange. Ich würde das auch sehr gerne weitergeben. Aber es ist nicht leicht, die passenden Leute zu finden.

Ein originales Maßwerkfenster von Sankt Georg in Nördlingen

Ist dieses Fenster hier von Sankt Georg?
Das ist ein original Maßwerkfenster von Sankt Georg, genauer der Spitzbogen eines Fensters. Das Maßwerk beschreibt die Geometrie, also die Zirkelkonstruktion. Maßwerke gibt es als Brüstungen, als Verblendungen an der Fassade und eben als Fensterkonstruktion. Sie sind dazu da, Fensterglas zu tragen.

Welches Wissen braucht es, um solch ein Maßwerk kopieren zu können?
Der Schwierige ist die Verformung. Wir haben eine theoretische Annahme zur Geometrie, die aber nicht stimmt, weil diese Geometrie oft nicht exakt so ausgeführt wurde und der Stein durch die Witterung verformt ist.

Verstehe.
Ich kann keine theoretische Konstruktion am Schreibtisch machen und das dann bauen und einbauen. Mit Genauigkeit nach unserem Verständnis war es vor mehr als 500 Jahren nicht weit her.

Wie wird es passend?
Meine Spezialität ist dieses millimetergenaue Kopieren von bauzeitlich schon verformten Werkstücken mit Bezug auf Material- und Oberflächenbeschaffenheit. Ich trage die Form auf Papier auf und nehme die Maße ab, die ich brauche, um die Konstruktion zu entschlüsseln. Dann wälze ich Geometriebücher: Was ist die Basis für die Konstruktion dieses bestimmten Maßwerks? Ich muss die Mittelpunkte der Bögen finden. Wo sind zum Beispiel die Einstichpunkte für die inneren Kreisbögen? Wo liegt der Einstichpunkt für die Sehne des Außenbogens? In bestimmter Literatur finde ich Informationen zur Grundkonstruktion.

Gibt es eine Art Bedienungsanleitung für Sankt Georg, in der Sie nachblättern können?
Nein, es gibt alte Geometriebücher über Maßwerk und Passkonstruktionen, wo aber nicht dieses Maßwerk drin ist, sondern nur ähnliche. Das übertrage ich in den Computer und baue dort die Ungenauigkeiten ein und gleiche wieder ab.

Könnten Sie es scannen?
Ja, aber die 3D-Modellierung ist ein eigener Beruf. Da muss man extrem gut sein. Ich komme derzeit mit der Methode, dass ich die Geometrie entschlüssele und Verformungen beim Zeichnen berücksichtige, deutlich schneller zum Ergebnis.

Was an und in Sankt Georg haben Sie gemacht in den vergangenen Jahren?
Wir haben in den vergangenen drei Jahren drei Pfeiler außen bearbeitet, zwei Emporen-Türme, den Treppenturm und jetzt zuletzt die komplette Sakristei.

Wasserspeier, seitlich, in der Halle aufgebaut: Matthias Wittner hat dieses Modell Eins zu Eins in Stein kopiert

Während wir reden entdecke ich hier links einen steinernen Wasserspeier.
Das ist ein sehr spezieller Fall gewesen. An der Kirche selbst gibt es verhältnismäßig wenig Bauzier, weil der Suevit filigrane Skulpturen nicht wirklich hergibt. Deshalb existieren an der ganzen Kirche nur zwei Wasserspeier. Der eine war komplett zurückgewittert, beim anderen war der Kopf abgebrochen.

Das hier ist das Original von der Kirche?
Das ist das Original. Der Kopf war weg, der Wasserspeier bis auf den Rumpf zurückgewittert. Es war der Wunsch des Bauherrn, den zu rekonstruieren. Das heißt, alles was an Rückwitterung da war, haben wir wieder aufgebaut.

Wie haben Sie den Kopf rekonstruiert?
Im Chorgestühl gibt es figürliche Darstellungen von Drachen und Chimären. Wir haben in die Kirche von Schwäbisch Gmünd und in den Ulmer Münster geschaut, wo zu ähnlicher Zeit von vergleichbaren Baumeistern solche Dinge geschaffen wurden. Am Ende hatte ich eine Wand mit Bildern verschiedener Drachenköpfe und habe Stück für Stück den Kopf rekonstruiert und in Gips aufmodelliert. Dann kam der Architekt und der Bauherr und haben das begutachtet. Als alle happy und zufrieden mit dem Ergebnis waren, habe ich das Ding Eins zu Eins in Stein kopiert.

Es gab keine Zeichnung aus dem Mittelalter?
Wir haben recherchiert wie blöd, aber da war nichts. Also musst du rekonstruieren. Wenn du an der Kirche arbeitest, bekommst du ein Gefühl dafür, wie das stimmig zusammenpasst. Das könnte auch ein völlig anderer Kopf sein. Aber diese Art von Drachenkopf, die wir jetzt haben – die ist sehr wahrscheinlich.

An der Pinnwand im Büro: Annäherung an den unbekannten Wasserspeier

In Stein, an der Kirche St. Georg: Matthias Wittners Wasserspeier

Arbeitet Ihr Vater noch im Betrieb?
Seit fünf Jahren nicht mehr.

Ist das gut oder schlecht?
Ich glaube, zwischen den wenigsten Generationen ist die Zusammenarbeit reibungslos. Für mich war es wichtig, mich zu emanzipieren und meinen eigenen Ansatz zu verfolgen.

Sie sind hier Unternehmer, Handwerker, Künstler. Welche ist Ihnen die liebste von diesen Aufgaben?
Ich liebe den Mix. Morgens Buchhaltung, dann in die Halle, auch gerne Ausbilder sein  – ich mag das, das weitergeben. Selbst etwas schaffen, dann auf die Baustelle, mit anderen Menschen zusammenarbeiten.

Was wollen Sie vor allem vermitteln?
Selbstständigkeit. Und den Mut, ein Zutrauen, auf einer gelernten Fähigkeit aufzubauen. Das Schönste ist für mich, wenn ich viel von dem, was ich weiß und was ich kann, vermitteln darf.

Wann ist eine Arbeit gut?
Wenn sie natürlich ist. Man muss die Natürlichkeit des Arbeitens ablesen können – am Werkstück und an der Oberflächenstruktur. Leicht muss es sein. Leicht und natürlich.

Wie blicken Sie auf die Handwerker, die St. Georg errichtet haben?
Voller Demut und Bewunderung. Die hatten eine Superspezialisierung, von der ich ganz weit weg bin. Da hat jeder seine Aufgabe gehabt. Und die haben über sehr lange Zeit, von Generation zu Generation, alles neu Dazugelernte und Verbesserte und Optimierte weitergegeben. Die haben weitergegeben und weiterverbessert, in einer Tour.

Welches Lob ist Ihnen für Ihre Arbeit das liebste?
Das wichtigste Lob kommt von der Mesnerin oder von der Kirchenpflegerin der Dorfkirche, in der wir arbeiten. Die kann manchmal besser gut von schlecht unterscheiden, als man meint.

Welche Motto leitet Sie?
Ich bin immer auf der Suche nach dem besten Ergebnis – erreiche es aber selten.

Matthias Wittner wurde für seine Restaurierungen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Peter Parler-Preis. Wittner arbeitet vor allem mit der Restauratorin Lea Mertens zusammen. 

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