Erstmal lebendig werden, dann wachsen: Meine Essenz aus 50 Meisterstunde-Interviews

Für diese Website habe ich 50 Menschen interviewt, die in ihrem Gewerk sehr gut sind. Einen Geigenbauer, eine Pflegerin, einen Ruder-Olympiasieger, eine Krimi-Autorin, einen Klimagipfel-Diplomaten, immer so weiter, die Mischung ist bunt, ihr seht es ja selbst.

Jetzt endlich habe ich das gemacht, was ich lange Zeit machen wollte: die Antworten auswerten.

Stück für Stück bin ich durch die Texte gegangen und habe mir das prägnanteste Erfahrungswissen rausgeschrieben. Insgesamt sind da rund 300 Antworten, in denen eine Erkenntnis steckt, die aus meiner Sicht fach-übergreifend nützlich ist.

Diese Antworten habe ich jeweils auf einen Satz reduziert. Alle Sätze habe ich zum Visualisieren in ein Miro-Board übertragen, habe sie sortiert und brav mit Überbegriffen versehen. Und dann ist das Erstaunliche passiert:

Ich sah, dass sich fast alle Lehrsätze aus den 50 Interviews zwei großen Begriffen zuordnen ließ. Genauer gesagt entstanden in Miro die Flügel eines Schmetterlings: Die meisten Lehrsätze entspringen aus zwei großen, übergeordneten Lehren.

Die Lehrsätze auf der linken Flügelseite lassen sich unter der Formel „Lebendig werden“ zusammenfassen. Alle Lehrsätze auf der rechten Flügelseite lassen sich dem Begriff „Wachsen“ zuordnen.

Mit Blick auf die Meisterstunde-Gespräche wirkt das schlüssig. Ich habe mit den Menschen über ihre Ausbildungs- und Berufsbiografie und ihre Arbeitserfahrung gesprochen, über Wissen und Weisheit, die sich im jahrelangen Machen manifestiert haben.

Die meisten Interviewten mussten erst ihr Interesse an ihrem Fachgebiet finden, sie mussten „lebendig werden“. Dann ging es ins „Wachsen“: Einmal „lebendig geworden“ wollten sie besser werden, sich entwickeln – und fanden Freude an der Expertise.

Natürlich finden sich unter dem Dach der Lehrsätze „Lebendig werden“ und „Wachsen“ viele weitere, differenziertere Weisheiten. Die folgenden Vier tauchten besonders häufig in den Interviews auf:

Zuhören: Wenn dein Mund offen ist, lernst du nichts
Nische suchen: Erfolg entsteht in der Zuspitzung
Kombinieren: Neues entsteht aus der Kreuzung des Bekanntem
Sich in Beziehung setzen: Energie entsteht aus sozialen Netzen, privat oder im Beruf

Wer will, kann die sechs Weisheiten auch als Abfolge lesen, als Handlungsanweisung für den Berufsbeginn, in Zeiten eines Neustarts, zur persönlichen Orientierung. Hier ein Vorschlag:

Schritt 1: Erstmal vielen Menschen zuhören – und Übersicht gewinnen.
Schritt 2: Viel Ausprobieren und in der reizvollsten Aufgabe lebendig werden
Schritt 3: Jede Möglichkeit zum Lernen nutzen und dabei wachsen
Schritt 4: Auf eine Nische fokussieren und dort erfolgreich werden
Schritt 5: Neues schaffen – aus der Kombination von Bekanntem
Schritt 6: Sich in Beziehung setzen und Energie und Weisheit aus dem „Wir“ ziehen – und natürlich auch zurückgeben.