Künstlerin Annamaria Leiste über ihre Kurse im Papierschöpfen: »Wir staunen gemeinsam«
Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und fand früh zum Papier: Annamaria Leiste experimentiert im Papierwerk Glockenbach mit verschiedensten Materialien und findet die größte Zufriedenheit im gemeinsamen Tun. Ein Gespräch über das Loslassen von Annahmen und die Werkstatt als Werkstück.
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Fotos: Gerald von Foris
Frau Leiste, was haben Sie zuletzt zu Papier gemacht?
Kürzlich habe ich für den Künstler Peter Mayr fünf Papiergroßformate gegossen – aus Geldscheinen.
Sie haben wahrscheinlich alte D-Mark-Scheine genutzt, oder?
Genau, da bekam ich schon zerschredderte Geldscheine, die ich dann weiter zu Papier verarbeitet habe. Im Ergebnis sieht man aber nur noch Spuren des Geldes.

In der Galerie Handwerk sind gerade großformatige Papiere von Ihnen zu sehen. Die Farben auf den Blättern gehen ineinander über, die Blätter wirken wie schillernde Vorhänge.
Die habe ich gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern aus dem Handwerkshof gegossen, mit denen ich häufiger zusammenarbeite. Einmal haben wir Friedenspapiere geschöpft: Ein Bekannter will alle Oberhäupter der Welt handschriftlich zu einem Friedenskongress einladen und die Schüler entwickelten dazu das Papier. Hier in meiner Werkstatt können sie experimentieren und das Material entdecken.
Wie gießen Sie Papier?
Mein Mann ist Schmied und hat mir einen Rahmen von 1,5 mal 2,5 Metern geschweißt, in den ich die Pulpe gießen kann, den Papierbrei. Das Wasser läuft durch ein engmaschiges Sieb ab.


Sie stellen kein klassisches Papier her, auf dem wir schreiben. Sie experimentieren vielmehr. Ich könnte zu Ihnen kommen, in meiner Tasche den zerschnibbelten Baumwollschall meiner Mutter, und wir könnten damit Papier machen, richtig?
Das würde gehen, ja. Schon vor Jahrhunderten haben Lumpensammler Stofffetzen gesammelt, die sogenannten Hadern. Die wurden dann zerschnitten, eingeweicht und zu Papier gemacht. Das Gelingen hängt immer von den Fasern ab. Leinen geht gut, auch Hanf, Sisal, Lintas und Abacá. Die zerkleinerten Fasern weiche ich ein, dann werden sie im Holländer gewälzt.
Was ist ein Holländer?
Das ist eine Maschine, die in Holland entwickelt wurde, vor Hunderten von Jahren: Im Holländer werden die Fasern durch eine Walze zu einem Faserbrei geschlagen, teilweise stundenlang. So entsteht die Pulpe, aus der ich die Papierfaser schöpfe, die ich aber auch gießen oder sprühen kann.
Auf dem Tisch vor uns liegen Papierproben aus Jeansstoff, aus Spargelschalen, aus Bananenstielen. Wie sind die entstanden?
Das sind Tests, ich probiere gerne aus, vor allem mit den Menschen in den Kursen. Das ist mein Ursprung und mein Wunsch für dieses Atelier: Hier geht es um Begegnung. Menschen, die nicht wissen, was eine Faser ist, sollen Zugang zum Prozess des Papiermachens bekommen. Sie sollen die Ruhe beim Schöpfen spüren, die meditativen Momente, wie etwas unter ihren Händen entsteht.

Verstehe.
Sie können hier nichts falsch machen. Wenn ein Blatt nichts wird, gebe ich es wieder in die Flüssigkeit und schöpfe neu. Ich habe hier Kindergruppen ab der dritten Klasse, die Zugang zum Machen finden. In meinen Kurs »Das unbeschriebene Blatt« kommen Paare, die miteinander Papier schöpfen. Vorhin war mein Neffe da, vier Jahre alt, und hat Papier geschöpft.
Haben Sie Vorbilder?
Eine Freundin, die Malerin Julia von Eichel, aus den USA. Sie hat mir das Dranbleiben vermittelt. Und eine frühere Kunstlehrerin, die das Motto »Einfach Machen« verkörperte und den Fehler als Geschenk empfand. Und es stimmt ja: Es gibt immer eine Chance, Dinge anders zu machen. Nichts ist endgültig. Deswegen mag ich Papier: Es ist vergänglich. Es verändert sich.
Wie haben Sie selbst zum Papier gefunden?
In meinem ersten Semester an der Münchner Kunstakademie war ich so verloren. Ich wusste nicht, wo ich anfangen soll und mit was. Uns wurde gesagt, dass die Papierwerkstatt gefährdet sei: »Ihr müsst die benutzen, damit die nicht schließt!« Ich dachte, perfekt, das mache ich, Papier schöpfen!
Papier schöpfen

Papier sprühen

Das habe ich schon mehrmals gehört: Studierende kommen an die Kunstakademie und suchen erstmal nach dem passenden Material.
Ich habe in meinen Zwanzigern vier Kinder bekommen und kam erst im Alter von gut 30 Jahren an die Akademie. Deshalb suchte ich ein Umfeld, das zu meinem Zeitbudget und zu meinen Möglichkeiten passt. Ich habe es mit Kunststoff versucht, mit Holz, mit Glas, mit Metall – das Papier gefiel mir am besten.
Wie lange arbeiten Sie schon in Ihrer Papierwerkstatt?
Nach dem Studium, vor zehn Jahren, haben mein Kommilitone Raphael Grotthus und ich hier die Werkstatt eröffnet, die ich heute alleine führe. Raphael hatte hier sein Atelier und ich halte meine Kurse.
«In den Kursen gibt es keine Bedingtheiten, keine Widerstände. Wir erleben zusammen einen Prozess, der im Grunde auch das Ergebnis ist.«
Warum die Kurse?
Schon bevor ich Kinder hatte, wollte ich Pädagogik studieren und Kunsterzieherin werden. Das war ein großer Traum, den ich inzwischen auch als Werkstattleiterin an der Fachoberschule für Gestaltung lebe. Noch bin ich für meinen Geschmack nicht erfahren genug im unterrichten, aber ich merke: Es liegt mir so sehr.
Was mögen Sie daran?
Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern herausfinden, was sie ausdrücken und machen wollen ist meine innere Berufung.
Blick in die »Papierwerkstatt Glockenbach«: Es kann nass werden beim Papiermachen, dafür die Stiefel
Das war eine Jeans
Im Regal: Kleister, Pinsel, Trockenblumen
Wie häufig produzieren Sie noch Objekte für Ausstellungen?
Schon noch immer wieder. Aber das ist für mich ein ungleich größeres Ringen als in den Kursen, ein Leidensweg. Ich denke immer wieder, dass die Welt eigentlich genügend Kunst und Schmuck hat …
Und dann denken Sie, wozu es gerade Ihre Arbeit noch braucht?
Ja. Aber dann will ich doch künstlerisch aktiv sein!
Warum ist es Ihnen lieber, Kunst oder hier das Papier gemeinsam mit anderen zu erzeugen?
In der Gemeinschaft mit anderen muss ich kein Ergebnis schaffen, das an der Wand hängt, das so und so viel kostet, das jemand toll finden muss. In den Kursen gibt es keine Bedingtheiten, keine Widerstände. Wir staunen gemeinsam. Wir erleben zusammen einen Prozess, der im Grunde auch das Ergebnis ist.
Sie haben die Kunstakademie absolviert und mit ihren Arbeiten an vielen Ausstellungen teilgenommen, in denen individuelle Objekte von Einzelkünstlerinnen gewürdigt werden. Ist es schwierig, sich von der Erwartung zu lösen, dass eine Künstlerin immer weiter so zu arbeiten hat?
Ja, ich ringe immer wieder damit. Und dann werde ich aber doch gefragt und dann mache ich bei einer Ausstellung mit und dann finde ich das toll – weil ohne diese Anfragen würde ich es nicht machen. Ich würde in meiner Komfortzone bleiben. Nur außerhalb der Komfortzone entstehen ungesehene Dinge.
»Ich skizziere im Material«
Wenn Sie für eine Ausstellung angefragt werden, wie finden Sie zu Ihrem Objekt?
Mir hilft der Fokus auf ein Thema oder eine Idee. Das kann das Material Holz sein oder aktuell die bloße Idee »Golden Nugget«, mit der ich an Broschen aus Papier arbeite. Erst ist es nur eine Vorstellung, und dann muss ich spielen, mit dem Material. Das Material muss mir etwas erzählen.
Ein schöner Gedanke.
Ich skizziere nicht auf Papier, sondern im Material, das sich im Machen immer weiter verändert.
Welche Arbeit empfinden Sie als sinnhafter, das einsame Dahinprobieren für eine Ausstellung oder den Flow in der Gruppe?
Mit den Menschen hier in der Papierwerkstatt Material entdecken, das fühlt sich sehr natürlich an und stimmig und es gibt mir wirklich Glücksgefühle. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wie beschreiben Sie, im Vergleich, die Arbeit allein?
Das ist viel mehr ein innerer Dialog, in dem sich auch meine inneren Kritiker zuschalten. Anders als in den Kursen muss ich mir bei dieser Arbeit immer wieder sagen, dass ich spielen und Fehler machen darf.
Ist Ihre Werkstatt mit den Kursen Ihr wichtigstes Werkstück?
So habe ich darüber bisher nicht nachgedacht …
Wie würden Sie dieses Werkstück beschreiben, wenn es denn eines wäre?
Es wäre ein Musikstück mit vielen verschiedenen Klängen. Leise und auch mal laut, schnell und langsam, eine Symphonie, alles ist in Bewegung.

Sie wurden in Italien geboren, gingen mit ihrer Mutter mit sieben Jahren nach Amerika und kamen mit 21 Jahren nach Deutschland. Inwiefern haben diese kulturellen Prägungen Ihr Arbeiten beeinflusst?
Ich habe tatsächlich häufig darüber nachgedacht, wie ich wäre, wenn ich in Italien geblieben wäre. Ich wäre definitiv anders. Ich wäre konformer geworden, vielleicht hätte ich versucht auszubrechen. In den USA gibt es einen lockeren Umgang mit Fehlern, definitiv. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich das Gefühl, alles richtig machen zu müssen.
Inwiefern?
Das erlebe ich noch heute, dass sich manchmal mein Denken verengt, weil ich Sorge habe, es nicht gut genug zu machen.
Was tun Sie dann?
Dann folge ich dem Rat meiner Cousine, die leider sehr jung verstorben ist. Sie sagte in solchen Momenten: »You need another story«.
Was meinte Sie damit?
Auf der Schallplatte des eigenen Lebens bleibt manchmal die Nadel hängen, immer wieder ertönt das gleiche Lied, von wegen »Das kann ich nicht, das schaffe ich nicht, mir ist alles zu viel.« Dabei geht so viel, wenn wir die Nadel anheben und durchatmen und uns umsehen. Ich habe so viele Räume, Menschen, Begegnungen in meinem Leben. Was kann ich daraus machen? Welches Lied lässt sich damit spielen, das zu mir passt? Welche Geschichte lässt sich damit erzählen, ganz ohne Druck?

Das Papierwerk Glockenbach von Annamaria Leiste bietet Kurse wie »Das unbeschriebene Blatt« oder »Das ganz große Kino«, in denen Menschen in wenigen Stunden den Kern des Papiermachens mit eigenen Händen verstehen können. Leiste studierte an der Akademie der Bildenden Künste München in der Schmuckklasse von Otto Künzli und Karen Pontoppidan und wurde unter anderem mit dem Danner Ehrenpreis ausgezeichnet. Mehr auf ihrer Website aleiste.de und auf Instagram unter @annamarialeiste
Die Meisterstunde finden Sie auch auf Instagram: @meisterstunde