Designer Martin Potsch über Glaskunst: »Alles Mühsame, aller Fleiß muss sich im Produkt aufgelöst haben«
Er studierte Design, arbeitete als Performancekünstler und re-designte das Logo der ARD. Nebenbei sammelte Martin Potsch Gebrauchsglas – und begann dann in der Glasfachschule Zwiesel selbst als Gestalter mit Glas zu arbeiten. Inzwischen lässt Potsch von Glasmachern außerordentliche Vasen und Gefäße herstellen, zuletzt im italienischen Murano. Ein Interview
Fotos: Gerald von Foris
Lesezeit: 4 Minuten
Vase Polpo Policromo von Martin Potsch, H 39cm, 2021
Herr Potsch, sie haben lange als Maler und Designer gearbeitet, wie kamen Sie zum Glas?
Martin Potsch: Gebrauchsglas hat mich als Designer schon immer interessiert: die Flasche als eine der ältesten Verpackungen. Es gibt ganz signifikante moderne Entwürfe wie die Cola-Flasche oder die Odol-Flasche. Die haben sich alle aus lange zurückreichenden Formreihen entwickelt. Ich habe selbst viele Jahre handgemachte, historische Flaschen gesammelt und würde mich zu den Experten für europäisches Gebrauchsglas zählen.
Wann ist eine Flasche schön?
Wenn der bewußte Anspruch fehlt, ein Kunstwerk oder ein Objekt zu gestalten; wenn die Gestaltung dem Gebrauchszweck folgt, wenn sie einfache, geometrische Formen wie die Kugel, den Zylinder oder den Vierkant verwendet. Wir begreifen Kunst oder Kunsthandwerk häufig nur als wertvoll, wenn die künstlerische Anstrengung, der Gestaltungswille sichtbar werden. Das ist zu kurz gesprungen. Es gibt daneben eine Ästhetik der Perfektion, die aus Routine, Erfahrung und daraus resultierender Einfachheit entsteht.
Sie haben 2014 bei den Glasmachern der Glasfachschule Zwiesel angeklopft und nach einer Kooperation gefragt. Warum?
Die waren damals für mich der Olymp der Glasmacherkunst. Deswegen hat es mich gefreut, dass ich vier Jahre mit den beiden Glasmachern der Schule zusammenarbeiten durfte.
»Es ist enorm hilfreich, dass ich in einem Bereich arbeite, in dem ich ein Alleinstellungsmerkmal habe.«
Wie sah die Zusammenarbeit aus?
Ich habe tonnenweise Entwürfe gezeichnet und wir haben geschaut, was davon sich umsetzen lässt. Manche meiner Vorstellungen waren für die beiden völlig abseitig, etwa wenn wir doppelwandige Gefäße gestaltet haben, wo eines in das andere eingestülpt wird …
War Ihnen klar, dass es für Ihre experimentellen Vasen einen Markt gibt?
Mir war da gar nichts klar. Ich habe das einfach gemacht, weil ich das Gefühl hatte: Das ist jetzt genau das Richtige. Ich habe die ersten Sachen über eigene Ausstellungen verkauft, es ging gut. Mir fiel auf, dass in Deutschland oder auch in Europa nur wenige Menschen Glaskunst dieser Art machen. Die Kollegen lassen sich an zwei Händen abzählen. Heute weiß ich: Es ist enorm hilfreich, dass ich in einem Bereich arbeite, in dem ich ein Alleinstellungsmerkmal habe.
Wie entstanden zum Beispiel die Vasen mit den aufgesetzten Vierecken?
Du bläst Glas in eine längliche Vierkantform, das dann auf 3,5-Zentimeter-Stücke geschnitten und auf die Vase gesetzt wird.
Wie geht das?
Das macht jeder Glasmacher anders. In Gernheim habe ich mit Korbinian Stöckle zusammengearbeitet. Er hat zum Beispiel die Stücke im Ofen ausgelegt, dann die Vase in den Ofen eingeführt und über die Stücke gerollt, sodass diese haften blieben.
Was macht gelingende Glaskunst aus?
Die Arbeit mit Glas ist ein gesteuertes, gelenktes Fließen. Glasmacher entwickeln ein Gefühl für die Viskosität des Materials, für die Art, wie Zähflüssiges miteinander reagiert. Sie nehmen die Impulse auf, arbeiten nicht gegen das Material, greifen im richtigen Moment ein – oder lassen los. Im Wissen, dass sie nicht alles korrigieren können. Jede Korrektur hinterlässt Spuren, die nicht zu verwischen sind.
Vase Bubbles, H 30cm, 2023
Vase, H 33cm, 2025
Sie sind kein Glasmacher sondern Glasgestalter. Wie nah sind Ihre Entwürfe an den Ergebnissen?
Nach inzwischen zehn Jahren haben meine Entwurfszeichnungen mit dem Endprodukt immer stärkere Übereinstimmung. Ich habe gelernt, das Material in die Zukunft zu berechnen: Meine Zeichnungen nehmen das Verhalten des Glases im Produktionsprozess mit auf.
Sie haben mit Glasmachern in Zwiesel und in Gernheim gearbeitet, neuerdings im italienischen Murano. Was macht einen guten Glasmacher aus?
Er muss ein Produkt schaffen, das den Eindruck vermittelt, es sei mühelos entstanden. Alles Schwere, alles Mühsame, aller Fleiß und alle Anstrengung muss sich im Produkt aufgelöst haben.
Gibt es ein ästhetisches Prinzip, das Ihre gestaltende Arbeit überwölbt?
Mir wird häufiger gesagt, dass die Glasarbeiten einen malerischen Charakter hätten.
Wie kann ich das verstehen?
Glas ist eine Erweiterung der malerischen Möglichkeiten in den Raum: Die unglaublichste Eigenschaft des Materials, seine Transparenz, führt einen Maler zu neuen Möglichkeiten.
Welche Erfahrung würden Sie Ihren Schülerinnen und Schülern auf jeden Fall mitgeben wollen?
Du kannst machen, was du willst. Es funktioniert alles. Aber: Du musst es machen. Das ist das einzige Kriterium, an dem sich alles misst: Machst du es oder machst du es nicht?

Links
Mehr über Martin Potsch und seine Arbeit. | Der Shop. | Ausgewählte Vasen sind derzeit bei Böhmler im Tal in München zu sehen
