Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer über Entwicklung: »Hinausgehen und Zurückkommen – vielleicht ist es das«

Er lernte Zimmerer und absolvierte dann eine Ausbildung zum Flechtwerkgestalter. Heute bringt Emmanuel Heringer das Flechten in den Raum: Er flicht Zäune, Fassaden oder Raumobjekte und macht das in oberbayerischen Kindergärten genauso wie auf Sylt oder in Abu Dhabi. Einmal hat er mit seiner Frau ein begehbares Ei geflochten. Wie es dazu kam? Ein Gespräch über’s Schauen und Verknüpfen.

Fotos (wenn nicht anders bezeichnet): Gerald von Foris

Lesezeit: 5 Minuten

Weidenstöcke im Lager von Emmanuel Heringer in Schechen nahe Rosenheim. 

Herr Heringer, warum haben Sie die Zimmerei drangegeben?
Beim Zimmern kriegst du einen Plan hingelegt, den du umsetzen musst, mit der Hilfe von viel Werkzeug und Maschinen. Flechten ist anders, direkter, mit der Hand an der Weide. Diese Handwerklichkeit hat mich gereizt.

Die staatliche Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels ist die einzige ihrer Art in Deutschland. Was haben Sie dort gelernt?
Im ersten Jahr geschlagene Arbeit, das Korbflechten, bei dem du das Geflecht immer wieder mit speziellen Schlageisen nachverdichtest. Das garantiert mir, dass mein Geflecht nicht zu sehr lockert, sobald es trocknet. Im zweiten Jahr kam der Möbelbau, im dritten Jahr Sondertechniken. Wegen meiner Zimmerei-Erfahrung entwickelte ich eine Freude daran, Geflechte größer zu denken. (Anmerkung: Wir verlassen die Werkstatt und gehen zu einem geflochtenen Zaun vor dem Haus) Das Material beim Zaunbau ist immer mehrjährige Weide, also Weidenstöcke mit einer Länge von bis zu vier Metern. Es ist ein Naturmaterial und es schrumpft vom ersten Tag an, dessen müssen sich die Leute bewusst sein. Aber das macht auch den Charakter des Zauns aus. Er ist ein Stück weit lebendig. Er steht nicht auf ewig starr und gleichmäßig da.

Raumobjekt, geflochten 

Sie arbeiten fast ausschließlich mit Weide. Warum?
Man kann sie gut kultivieren, sie hat lange Holzfasern, ist astfrei und biegsam.

Woher stammen Ihre Weidenstöcke?
Wie der Schreiner zum Holzhändler geht, gehe ich zum Weidenhändler. In Lichtenfels gibt es drei Händler, die von dort den Markt bedienen. Ich arbeite am liebsten mit der geschälten Weide, die muss ich nur zwei Stunden einweichen, bis sie weich genug zum Verarbeiten ist. Die ungeschälte Weide liegt vorher bis zu zwei Wochen im Wasser.

»Du musst mit jedem Handgriff klären, wo du hinwillst. Jeder Druck, jeder Schlag bringt den Korb in die oder in eine andere Richtung.«

Sie haben mehrere Jahre als Geselle bei Johann Bachinger gearbeitet, einem Rosenheimer Korbflechter. Was hat er Ihnen vermittelt?
Er war immer einer, der weitergedacht hat, der das klassische Korbmachen bald hinter sich gelassen hat. Schon früh hat er den Leuten die geflochtenen Zäune näher gebracht, die es vor dreißig Jahren bei uns kaum gab.

An welcher Stelle haben Sie etwas gewagt oder hinter sich gelassen?
Gemeinsam mit meiner Frau Stefanie, sie ist Schmiedemeisterin, war ich für ein Praxisstipendium in Rom in der Villa Massimo. Wir haben innerhalb von fünf Wochen einen begehbaren Korb geschaffen, ein »Flechter_ei«, mit einem sehr feinen Skelett aus Stahl, das komplett umflochten ist.

Woher kam der Impuls für das Ei?
Es ging uns um die Öffnung unserer Arbeit, um die Chance, den Raum anders zu erleben. Es war ein tolles Geschenk, die Zeit zu haben, etwas auszuprobieren, was frei von Sinn und Zweck ist und einfach nur Freude bereitet.

Das Flechter_ei im Einsatz: Ein kurzes Video auf Vimeo zeigt Dimensionen und Nutzungsmöglichkeit. (Foto: Screenshot)

Wie entsteht zum Beispiel ein Korb?
Du beginnst mit dem Bodenaufbruch, schaffst die Grundfläche, aus der die Staken nach oben ragen und dem Korb stückweise Stabilität verleihen. Dann beginnt das Flechten: Hier kann ich die Techniken variieren und Muster und Dichtigkeit steuern. Wenn ich zum Beispiel alles dicht klopfe, dann brauche ich doppelt so viel Material und habe ein höheres Gewicht, aber dafür auch mehr Stabilität.

Was ist das Schwierige in diesem Prozess?
Du musst mit jedem Handgriff klären, wo du hinwillst. Jeder Druck, jeder Schlag bringt den Korb in die oder in eine andere Richtung. Dieses Formgeben, dieses immer neue Abwägen ist das schwierige.

Der Zaun vor Emmanuel Heringers Werkstatt: Lebendiges Material

Was verstehen Sie unter Fingerfertigkeit?
Ich habe ein Bild im Kopf, das ich zu meinen Fingern bringen muss, damit das Material dort landet, wo ich es haben möchte. Wenn ich diesen Vorgang häufig genug wiederhole, automatisiert sich mein Arbeiten ein Stück weit, Kopf und Finger werden zur Einheit. Wobei Automatisierung kein guter Begriff ist … Es geht ja nichts automatisch, ich muss immer beim Werkstück sein, das Material im Blick haben und entscheiden, wie es weitergeht.

Gibt es so etwas wie eine professionelle Verformung im Flechten, ein körperliches Phänomen, das sich einstellt?
Du arbeitest viel mit dem Daumen, drückst, bringst in Form, sodass sich der Daumen verbreitert. Das deutet sich bei mir schon an. Besonders bildgebend ist das bei Johann Bachinger zu sehen: Er hat einen sehr breiten Daumen.

Sie haben Freude daran, Ihr Handwerk weiterzudenken. Wie geht Weiterdenken?
Es ist ja nicht so, dass es in meinem Handwerk einen Stand der Dinge gibt, der bleibt, einfach so. Wenn ich Lust habe und rausgehe und offen bleibe und schaue, dann sehe ich Spannendes und verknüpfe das eine und das andere, erst im Kopf und dann in der Werkstatt. Das ist ein Prozess, den ich sehr mag, der aber erst ins Laufen kommen muss.

Eindrücke von Emmanuel Heringers Arbeit (Fotos: privat)

Wie kommt er ins Laufen?
Ich besuche zum Beispiel eine Ausstellung über die Gestaltung von Metall und vertiefe mich. Das hat mit Flechterei nichts zu tun. Aber vielleicht finde ich eine kleine Stelle, die mich inspiriert, bei der ich denke: »Hoppla, das habe ich in Weide noch nicht gesehen. Das muss ich ausprobieren.« Hinausgehen und Zurückkommen, vielleicht ist es das, was zu Weiterentwicklung führt.

Womit sind Sie zuletzt zurückgekommen?
Bei einem Bestatter habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen geflochtenen Sarg gesehen. Seitdem beschäftigt mich das Thema mit Särgen und mit Urnen. Beides war mir geflochten bislang nicht präsent. Das ist ein spannendes Gebiet, in das ich mich vertiefen und mit dem ich mich auseinandersetzen will.

Emmanuel Heringer unterrichtet an mehreren Hochschulen und wurde unter anderem mit dem Bayrischen Staatspreis ausgezeichnet. Mehr auf geflechtundraum.de