Birkenrinden-Kanubauer Artem Lemberg über Autodidaktik: »Im Machen verbessert sich die Qualität deiner Gedanken«

In seiner Werkstatt bei Laufen in Oberbayern baut Artem Lemberg Kanus – ausschließlich mit natürlichen Materialien wie Birkenrinde, Fichtenwurzeln oder Eschenholz. Weltweit gehört er mit dieser Spezialisierung zu einer seltenen Spezies. Ein Gespräch über die Annäherung an ein vergangenes Handwerk

Fotos: Gerald von Foris
Lesezeit: 7 Minuten

Herr Lemberg, warum bauen Sie Kanus aus Birkenrinde?
Seit ich 15 Jahre alt bin arbeite ich auf Baustellen – ich bin Zimmerer, Schreiner, Dachdecker, Blockhausbauer und Holzwurm durch und durch. Jahrelang habe ich nach einem Projekt oder einem Produkt gesucht, das nachhaltig ist, das Sinn ergibt – und das man täglich benutzen kann.

Sie wuchsen in Sibirien auf und leben seit gut zehn Jahren in Deutschland. Wie kam es zum Umzug?
2009 habe ich in Sibirien den Vorsitzenden eines abenteuerpädagogischen Vereins aus der Nähe von Wismar kennengelernt. Er plante ein Jugendzentrum, das er mit Freiwilligen bauen wollte. Ich hatte nach sechs Jahren auf dem Bau das Bedürfnis nach etwas Neuem und half ihm. In dieser Zeit lernte ich Menschen aus ganz Europa kennen – und verliebte mich in die deutsche Sprache.

In die deutsche Sprache?
Englisch hatte ich seit dem Kindergarten gelernt, mich aber immer schwer getan. Deutsch packte mich von Beginn an. Also fing ich an zu lernen – auch, weil ich in Deutschland für den Verein arbeiten wollte.

»Wenn du nach Hause gehst, musst du unbedingt solch ein Kanu bauen«

Sie zogen für ein Jahr an die deutsche Ostsee und entdeckten Ihre Leidenschaft für den Bootsbau.
Ja, am Ende meines Freiwilligendienstes nahm ich an einem Workshop des Bootsbauers André Rießler teil, wir bauten Holzkanadier – das sind die Nachfahren der Rindenkanus, die ich heute herstelle. Als André erfuhr, dass ich aus Sibirien stamme, zeigte er mir ein Buch mit Birkenrindenkanus. »Wenn du nach Hause gehst, musst du unbedingt solch ein Kanu bauen«, sagte er. »Ihr habt dort alles, was es dafür braucht.«

Und dem Auftrag sind Sie nachgekommen?
Ich ging zurück nach Sibirien und fing an, wieder am Bau zu jobben. Mit Freunden baute ich in der Wildnis ein Blockhaus – und entdeckte dabei einen Einbaum, die älteste Bootsform, die es gibt. Da fiel mir Andrés Hinweis ein. Ich sammelte Informationen über Birkenrindenkanus – und erfuhr, dass man die Rinde nur im Juni oder Juli abnehmen kann. Es war aber schon Herbst und ich fing erstmal an, einen Einbaum zu bauen.

Die Kanuwerkstatt nahe Laufen

Wie baue ich einen Einbaum?
Das Einbaumkanu entsteht zum Beispiel aus einem Eschen- oder Pappelstamm. Ich bearbeite die Wände solange mit der Axt, bis sie ganz dünn sind. Dann werden sie über dem Feuer erhitzt und breit gebogen.

Wann haben Sie die Arbeit am Birkenrindenkanu begonnen?
Im Winter baute ich mehrere Einbäume und bereitete mich so auf das Birkenrindenkanu vor.

Kannten Sie Bootsbauer mit Erfahrung auf dem Gebiet?
In meiner Heimat gab es Niemanden. Aber ich fand Bücher und Videos aus den USA und Kanada, in denen vieles zu sehen war und einiges erklärt wurde.

Planungszeichnungen an der Wand in Artem Lembergs Werkstatt

Welche Ausbildung hatten Sie ursprünglich absolviert?
Keine, ich bin Autodidakt. Ich wuchs in den Neunzigern auf, das war eine turbulente Zeit, meine Eltern sind Musiker und sagten: »Mach was du willst.« Meine Oma wünschte sich, dass ich studiere. Aber ich besuchte so ungern die Schule, dass ich nach der neunten Klasse abging und mit Freunden auf dem Bau arbeitete. Mit dieser praktischen Erfahrung widmete ich mich dem Kanubau. Die Arbeit daran war ganz neu und anders für mich: Du fällst eine Fichte und ziehst das Holz entlang der Jahresringe auseinander. So entstehen die Senten, mit denen ich die seitlichen Wände und den Boden des Kanus auskleide. Die Schnüre zum Verbinden der Bestandteile gewinne ich aus gekochten Fichtenwurzeln. Die Außenhaut, also die Birkenrinde, kann ich mit einem senkrechten Schnitt direkt am Baum ernten.

Senten

Welchen Durchmesser braucht eine Birke, damit sie als Rindenlieferantin in Frage kommt?
Etwa 30 Zentimeter. Aber: Ich kann die Rinde auch zusammenstückeln.

Warum gerade Birke?
Schon für die indigenen Völker in den subarktischen Regionen war die Birke ein Geschenk. Aus dem Birkenkambium wurde Mehl zum Backen gewonnen. Die Birke lieferte Brennholz und natürlich die Rinde, aus der Wigwams, Rucksäcke, Schuhe, Hosen oder Dosen entstanden.

Dosen?
In Birkenrindendosen bleiben Lebensmittel länger trocken, Milch wird nicht so schnell sauer. Im Sommer 2012 ging ich dann zum ersten Mal mit Freunden in den Wald. Wir zelteten, suchten eine passende Birke – und bauten drei Wochen lang mit einfachem Handwerkszeug unser erstes Kanu.

»Das ist auch der Grund, warum ich gut 350 Stunden für ein Kanu benötige: Ich brauche viel Zeit für die Suche und die Aufbereitung meiner Materialien.«

Wie bringen Sie die spröde Rinde in Form?
In der Werkstatt mithilfe von Wasserdampf. In der Wildnis weiche ich sie in Wasser ein. Die Rinde kann sich dann dehnen und wird wie Leder.

Und wie wird das Kanu später wasserdicht?
Die Rinde ist wasserabweisend. Trotzdem imprägniere ich alle Holzteile mit heißem Leinölfirnis, das sich beim Aushärten in eine Schutzschicht namens Linoxin verwandelt.

Verwenden Sie Material aus dem Baumarkt?
Alles am Birkenrindenkanu kommt aus der Natur. Selbst die Stifte zum Verbinden von Rahmen und Rinde entstehen aus Eschenholz.

Was Sie beschreiben, klingt sehr mühsam: Sie suchen sich alle Kanu-Zutaten immer neu aus der Natur.
Das ist auch der Grund, warum ich gut 350 Stunden für ein Kanu benötige: Ich brauche viel Zeit für die Suche und die Aufbereitung meiner Materialien. Die Qualität meiner Kanus hängt zu 80 Prozent von der Vorarbeit ab. Wenn die Fichte nicht gerade gewachsen ist, wenn sie viele Äste hat, wenn die Jahresringe zu dick sind, kann ich sie nicht spalten. Und wenn ich die Fichtenwurzeln ausgrabe, entferne ich alle Verzweigungen und koche die Wurzeln stundenlang. So werden sie biegsam und ich kann sie einsetzen wie Schnüre, mit denen ich den Rahmen mit der Rinde verbinde.



Die Fichtenwurzeln werden gekocht – und können dann wie Schnüre genutzt werden.

In einem der abenteuerpädagogischen Camps haben Sie Ihre Frau kennengelernt, die hier aus der Nähe von Laufen stammt. Sie zogen mit ihr nach Deutschland. Es war nicht so einfach für Sie, sich in Bayern mit dem Kanubau selbständig zu machen, richtig?
Ich habe ja keinen Meistertitel im Bootsbau und musste zwei Jahre um eine Genehmigung kämpfen. Auf 40 Seiten Text und Bild habe ich beschrieben, was ich mache, dass ich eigentlich der Einzige bin, der das macht – und dass mir deshalb niemand eine Prüfung abnehmen kann. Der Vorsitzende der Bootsbau-Innung setzte sich intensiv mit meiner Arbeit auseinander und gab schließlich grünes Licht. Heute habe ich eine Sondergenehmigung für den Bau von Birkenrindenkanus.

Und Sie wurden mit dem Staatspreis der Bayerischen Staatsregierung ausgezeichnet, eine große Ehre.
Ja, eines Tages kamen die Menschen von der Handwerkskammer zu mir, waren total begeistert und luden mich auf die »Exempla« ein, eine Sonderschau der Internationalen Handwerksmesse in München. Ich bekam den größten Stand, wir zeigten vier Kanus – und bekamen am Ende auch noch die Auszeichnung.

Wie viele Menschen in Deutschland bauen solche Kanus?
Ich bin, glaube ich, der einzige in ganz Eurasien. Gut drei Kollegen kenne ich, die in den USA und Kanada ähnliche Kanus bauen.

Was ist wichtig, wenn ich mir ein Handwerk autodidaktisch erschließe?
Wichtig ist, eine Energie dafür zu haben. Also neugierig sein, Lust haben, was zu lernen. Keine Angst haben, Fehler zu machen. Viel machen und nicht zu viel denken. Weil wenn du was machst, dann lernst du manchmal viel, viel schneller und bekommst viel, viel gesündere Gedanken und eine bessere Qualität deiner Gedanken.

Was meinen Sie mit den »gesünderen Gedanken«?
Manchmal ist es einfach praktisch, schnell etwas zu versuchen und gleich zu erfahren, was geht und was nicht geht. Der Kopf kann dieses »gesunde« Erfahrungswissen, das frei von Grübelei ist, nicht von allein erzeugen. Wichtig ist auch: dranbleiben. Einen langen Atem haben. An meinem schwarzen Kleber auf Holzkohlebasis, der die Rindenstücke verbindet, habe ich sicher fast 400 Stunden getüftelt.

»Das ist etwas, das ich im Ausprobieren entdeckt habe: dass ich schwache Einzelteile zu einem starken Ganzen verbinden kann.«

Sie sagen, Sie hatten viel Erfahrung im Holzbau, aber das Kanubauen sei Neuland gewesen. Was hat Sie beim Erkunden dieses Neulands am meisten erstaunt?
Der Rahmen meiner Kanus zum Beispiel ist aus drei Elementen gefertigt: Innenplanke, Außenplanke, Oberplanke. Diese Planken spalte ich inzwischen auf unterschiedliche Arten: einmal entlang der Jahresringe, einmal mit einem tangentialen Schnitt, einmal radial. Die Planken leiten Kräfte wegen dieser unterschiedlichen Schnitte unterschiedlich weiter. Mit den Fichtenwurzel-Schnüren verbinde ich die drei Elemente und erhalte ein sehr, sehr starkes Gerüst, das, auch wenn Kräfte von verschiedenen Seiten einwirken, nur sehr schwer kaputt geht. Das ist zum Beispiel etwas, das ich im Ausprobieren selbst entdeckt habe: dass ich schwache Einzelteile zu einem starken Ganzen verbinden kann.

Links
Die Website zu Artem Lembergs Unternehmen: birchbarks.de 

Der Instagram-Account: @birchbarks.de

Das Video auf dem Meisterstunde-Instagram-Account