Baumhausbauer Johannes Schelle über die Arbeit am Stamm: »Wir planen nie drüber weg, immer drumherum«

Er studierte Architektur, machte eine Zimmererlehre, wurde Bauleiter im Unternehmen seines Vaters – und stieg dann in die Bäume: Johannes Schelle baut Baumhäuser. In den vergangenen 20 Jahren hat er mit seinem Team 260 Häuslein in und an Bäumen errichtet – und auf diese Weise anderen und sich selbst einen Traum erfüllt. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach dem Draußen, warum seine Firma Baumbaron heißt und woher das Motto »Nicht mit bösen Leuten bauen« kommt.

Fotos: Gerald von Foris
Lesezeit: 9 Minuten

Herr Schelle, wie sah das erste Baumhaus aus, das Sie 2007 mit einem Freund gebaut haben, im Garten Ihrer Eltern, zwischen einer Linde und einer Buche?
Wir hatten damals keinerlei Ahnung von Verankerung und haben deshalb Ketten um den Stamm gewickelt, die die Baumhaus-Plattform hängend trugen. Das Problem: Die Ketten schubbern und reiben an der Rinde und für den Baum ist das gar nicht gut. Außerdem haben wir Fichtenhölzer verwendet, die nach zehn Jahren unweigerlich außen vermodern. Aber es hielt, sah zumindest am Anfang ordentlich aus – und der Bauprozess machte Spaß.

Sie hatten so viel Freude an der Arbeit im Baum, dass Sie angeboten haben, auch für andere Baumhäuser zu bauen. Hatten Sie Vorbilder?
Ja, Pete Nelson, den amerikanischen Baumhauspapst. Auf seiner Website sahen wir, dass er die Häuser mit speziellen Schrauben im Baum verankert: Die Schrauben sind rund 45 Zentimeter lang und werden zur Hälfte in den Baum getrieben. Auf der Hälfte, die heraussteht, kann ich die Balken der Holzplattform ablegen.

»Eine Eiche zum Beispiel schließt innerhalb von Sekunden am Ort der Verletzung alle Leitungsbahnen – sie kapselt sich ab und verhindert so, dass Pilze eindringen.«

Wie viel trägt eine solche Schraube?
Sie kann bis zu vier Tonnen tragen. Ein ehemaliger Mitarbeiter von mir lässt solche Schrauben inzwischen am Schliersee produzieren und verkauft sie online in seinem »Treehouse Shop«.

Eine Schraube hat einen Durchmesser von 3,5 Zentimetern. Wie verträgt der Baum diesen Fremdkörper?
Eine Eiche zum Beispiel schließt innerhalb von Sekunden am Ort der Verletzung alle Leitungsbahnen – sie kapselt sich ab und verhindert so, dass Pilze eindringen. Ähnlich ist es bei Buchen oder Linden, die vertragen leicht sechs bis acht solcher Schrauben. Andere Baum-Arten wie die Birke sind wesentlich empfindlicher und neigen zum Faulen.

Verändert sich im Baumwachstum die Höhe der Schraube und damit der Plattform, auf dem das Baumhaus ruht?
Wenn Sie in 1,50 Metern Höhe ein Herz einritzen, wird es immer auf der Höhe bleiben. Der Baum wächst nach oben hinaus. Er wächst aber auch in die Breite. Deshalb lassen wir zur Plattform des Baumhauses genug Platz für das Dickenwachstum.

Und wie dick muss der Baum sein, damit er Schraube und Baumhaus aushält?
Es kommt drauf an, wie viel ich dem Baum an Last zumuten will. Für ein kleines Kinderspielhäuschen genügen 40 Zentimeter Durchmesser. Wir haben aber schon Baumhaushotels mit Bädern und Schlafzimmern gebaut, in denen acht Erwachsene übernachten können. In solchen Fällen fungiert der Baum als eine von vier Stützen – die drei zusätzlichen Stützen stelle ich auf Punktfundamente, sodass der Baum nicht überfordert wird.

Johannes Schelles privates Baumhaus im Garten seines Grundstücks: Es steht an der Stelle, an der er vor bald 20 Jahren zusammen mit einem Freund sein erstes Baumhaus baute.

Wer lässt ein Baumhaus bauen? Sind das Menschen, die für ihre Kinder bauen oder die selbst in die Natur wollen?
Viele Eltern rufen an und sagen: Wir hätten gerne ein Baumhaus für unsere Kinder. Im Gespräch wird dann klar, dass sie auch selbst als Kind gerne eines gehabt hätten.

»Dort oben komme ich runter, ohne Telefon, nur mit einem Buch«

Weshalb?
Das Motiv sitzt tief in uns allen: Die meisten Menschen lieben die Entrückung, den Überblick, den Abstand vom Boden und den »wilden Tieren«. Meist sagen die Eltern im Gespräch, wir sollten ruhig ein wenig größer bauen, sodass auch sie auf der Plattform ein Glas Wein trinken oder im Haus übernachten können.

Sie haben Ihr erstes Baumhaus nochmal neu gebaut, mit der Erfahrung aus vielen Jahren. Was schätzen Sie selbst am Baumhausleben?
Dort oben komme ich runter, ohne Telefon, nur mit einem Buch. In der Früh höre ich nach dem Aufwachen das Eichhörnchen im Baum hüpfen oder werde von Vögeln geweckt, die dann auf dem Balkon sitzen. Ich bin Teil der Natur und des Lebens dort Draußen.

Die Wendeltreppe hoch zum Baumhaus

Kann ein Baumhaus auch als Homeoffice taugen?
Während Corona schrieb uns eine Dolmetscherin mit zwei Kindern, dass sie einen Ort braucht, an dem sie die Tür hinter sich schließen könne. Den haben wir ihr dann in den Garten gebaut. In den vergangenen beiden Jahren haben wir auch viel Zeit in der Lüneburger Heide verbracht, wo wir vier Baumhaus-Apartments in die Eichen gebaut haben, alles mit Lärchenholz aus einem Wald in der Steiermark, gedämmt mit Holzfaser, 50 Quadratmeter Wohnfläche, Zugang über eine Hängebrücke, inklusive Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Küchenzeile …

Wie bringen Sie das Wasser hin und das Schmutzwasser weg?
In geheizten Leitungen, entlang der entferntesten Stütze. Der Bauer in Lüneburg zum Beispiel betreibt eine Kleinkläranlage am Hof, die er entsprechend erweitert hat.

»Früher haben wir wenig geplant und sind auf gut Glück mit viel Holz auf die Baustelle gefahren.«

Ich habe gelesen, dass ein Baumhaus bei Ihnen zwischen 20.000 Euro und 200.000 Euro kostet. Kommt das noch hin?
Ja, in der Zone sind wir noch.

Was ist das Schwierige am Baumhausbau?
Früher haben wir wenig geplant und sind auf gut Glück mit viel Holz auf die Baustelle gefahren. Vor Ort haben wir alles angepasst. Das dauerte ewig und das Ergebnis war weniger präzise. Hinzu kommt: Du verdienst mit einer solchen Arbeitsweise nichts, weil du so viel Zeit brauchst. Ein großer Schritt war die Smartphone-App, mit der ich jeden Baum vorab 3D einscannen kann. Mithilfe der Daten plant mein Kollege Christopher Richter am Rechner alles genau vor.

»Wir arbeiten ganz nah am Organischen, am Gewachsenen und Wachsenden«, sagt Schelle. »Ein Ast wird nicht einfach entfernt, sondern einbezogen.«

Was ist im Baumhausbau anders als im Alltag eines Zimmermanns?
Wir arbeiten ganz nah am Organischen, am Gewachsenen und Wachsenden. Wir erweisen dem Baum Respekt, weil wir nie über etwas drüberplanen, sondern immer um etwas herum. Ein Ast wird nicht einfach entfernt, sondern einbezogen. Und dann arbeitet der Baum ja im Wind: Das heißt, ich muss meine Konstruktion immer ganz stark darauf ausrichten, dass sich ein Baum auch im Sturm in alle Richtungen bewegen kann – ohne dass die Plattform, die das Baumhaus trägt, Schaden nimmt.

Was haben Sie in den bald zwanzig Jahren mit dem »Baumbaron« gelernt?
Früher habe ich keine Grenze gezogen zwischen den netten Baumhausjungs, die vor Ort noch alle Ideen möglich machen – und der Notwendigkeit, klare Absprachen zu treffen. Ich war bei jeder Anfrage so froh, dass ich etwas zu tun hatte, dass ich keine Anzahlung verlangt habe, dass ich nicht auf den Plan gepocht habe. Heute spreche ich im Vorfeld alles an: Es kostet Geld, wenn wir drei Tage einen Plan zeichnen sollen – ganz gleich ob das Haus gebaut wird. Wir kommen mit dem Material, das wir vorab verplant haben. Spontane Sonderwünsche verwirklichen wir nur im Ausnahmefall.

»Es gibt Momente, wo ich denke: Sind wir hier eigentlich alle auf etwas hängen geblieben? Vielleicht ich am meisten?«

Welche Typen arbeiten beim Baumbaron?
Wir sind eine kleine Familie von fünf Personen, die in der Hochsaison auf zehn Menschen anwächst. Wir arbeiten alle total gern draußen. Jeder ist Baumkletterer und privat in den Bergen unterwegs. Uns eint die Freude darüber, dass wir den Baumhaus-Bauen-Traum leben dürfen.

Verändert sich dieser Traum, wenn er zwanzig Jahre gelebt wurde?
Manchmal ist es schon so, dass ich im Büro sitze und Angebote schreibe und denke: »Okay, jetzt habe ich 260 Baumhäuser gebaut und weiß, wie es geht. Vielleicht könnte man noch mal was anders machen?« Aber dann fahren wir wieder auf die Baustelle, die Sonne strahlt durch die grünen Buchenblätter und ich denke: Was könnte schöner sein?

Gäbe es Alternativen?
Naja, es gibt schon Momente, wo ich denke: Sind wir hier eigentlich alle auf etwas hängen geblieben? Vielleicht ich am meisten? Andererseits: Ich wüsste nicht, was ich lieber machen würde, auf Dauer. Du bist beim Kunden und die Kinder kommen von der Schule, schmeißen den Rucksack in die Ecke und sagen »Boah, die Baumhausbauer sind da«. Und dann dürfen sie mithelfen und ziehen vor Begeisterung schon ein, obwohl wir noch nicht fertig sind …

Die Werkstatt von »Baumbaron« in der Gemeinde Waakirchen.

Sie bilden selbst Ihren Nachwuchs aus. Was geben Sie dem jungen Kollegen oder der jungen Kollegin mit?
Drei Dinge. Eins: Nicht auf den Baum schimpfen. Der Baum ist unser Freund, ein Geschenk, er ermöglicht uns, dass wir überhaupt in der Höhe arbeiten. Zwei: Plane immer einen Tag mehr ein. Drei: Wenn du einen Preis machst, dann kalkuliere die Zusatzarbeit ein. Anfangs haben wir für ein kleines Baumhaus einfach pauschal 10.000 Euro kalkuliert. Aber du brauchst immer länger und musst, bei allem Idealismus, das Betriebswirtschaftliche mitdenken. Wie sollen 10.000 Euro reichen, wenn schon die Fenster 3.000 Euro kosten? Von den Geräten, der Werkstattmiete, den Fahrten ganz zu schweigen.

Haben Sie ein Motto?
Nicht mit bösen Leuten bauen.

Wie meinen Sie das?
Wir haben mal ein Baumhaus-Hotel gebaut, für das allein das Holz 50.000 Euro kostete. Wir konnten nicht vorfinanzieren und der Auftraggeber hat uns schlimm geknebelt, wir hatten lange Ärger. Der war kein Netter. Deshalb lasse ich heute einen coolen Auftrag lieber mal sausen, wenn ich ein mieses Gefühl habe. Und das hatte ich in dem Fall.

Das Lärchenholz für die Baumhäuser stammt aus der Steiermark.

Sie haben sich »Baumbaron« nach einem Buch von Italo Calvino genannt.
»Der Baron auf den Bäumen«, ein ganz tolles Buch!

Der Roman spielt im 18. Jahrhundert, als es in Italien noch viel Wald gab. In der Villa eines Adligen steht der 12-jährige Sohn nach einem Streit vom Tisch auf und verschwindet in den Bäumen – um dort sein Leben zu verbringen. Er bewegt sich irgendwann wie ein Affe fort, beobachtet viel und lebt ein denkbar naturnahes Leben.
Er wächst in Zwängen auf, mit Gouvernanten, einem strengen Vater, im Schloss. Und er darf ja nie was. Und irgendwann reicht es ihm halt! Und er springt aus diesem Fenster raus und sagt: »Ich bleib nur noch auf den Bäumen.« Das fand ich so toll. Dieses Ausbrechen und dann seinen Weg gehen finde ich gut.

Sie sind in Sachen Bauen vorbelastet, richtig? 
Ja, meine Mutter ist Architektin. Mein Vater hatte eine Bauunternehmung, in der ich nach der Meisterschule eine Weile als Bauleiter gearbeitet habe.

Wie reagierte der Vater, als Sie Bäume zu Ihren Baustellen machten?
Das war schwierig. Mein Urgroßvater hat die Firma in München gegründet und es war klar: Der Johannes ist jetzt Zimmermeister, der macht das schon. Irgendwann habe ich dann im Garten dieses erste Baumhaus gebaut und wusste: So will ich immer arbeiten. Irgendwann habe ich meinem Vater deshalb ich gesagt: »Ich kann das nicht, ich bin kein Bauleiter, ich muss selber mit den Händen arbeiten, ich muss ganz aufhören hier und nur Baumhäuser bauen.« Das war ein harter Schritt. Mein Vater sagte: »Spinnst du? Dein erster Sohn ist gerade auf der Welt. Du musst doch jetzt mal schauen, dass da was weitergeht!«

Wie ist heute ihr Verhältnis?
Super. Wir sind gut befreundet. Er weiß: Ich bin glücklich.

Können Sie das Gefühl beschreiben, das bei der Arbeit im Baum entsteht?
Ein totaler Perspektivwechsel. Im Frühjahr, das Grün, wenn die Sonne durch die Blätter schimmert – das ist so ein ganz anders Arbeiten. Es macht einen auf eine Art und Weise glücklich.

Links
// Die Website von Johannes Schelles Unternehmen »Baumbaron«
// Der Baumhausblog von Christopher Richter

// Das Buch »Wie man ein Baumhaus baut« von Christopher Richter und Miriam Rüggeberg