Bildhauer Christoph Finkel über den Willen des Holzes: »Ich kann nicht gegen den Baum arbeiten, ich muss mich fügen«
Er sucht in den Allgäuer Bergen nach Lawinenholz und drechselt daraus Objekte, die sich kein Schreiner ausdenken kann. Ein Gespräch mit Christoph Finkel – über die Suche nach dem passenden Baum, über seine Vergangenheit als Kuhhirte und als erfolgreicher Kletterer. Und über die Zufriedenheit, die sich ergibt, wenn sich aus einer Arbeit die nächste ergibt.
Lesezeit: 11 Minuten
Fotos: Gerald von Foris

Herr Finkel, was ist das für ein Stück Holz, an dem Sie da arbeiten?
Das ist Buche, die kommt aus meinem Garten.
Ah, ich dachte, Sie verwenden vor allem Bruchholz aus Lawinenabgängen.
Das ist die 100 Jahre alte Buche von vor unserer Haustür. Die war so alt, dass sie laut Gemeinde eine Gefahr für die Verkehrssicherheit wurde. Wir mussten sie fällen.
Wie sind die schwarzen Einlagerungen entstanden?
Die Buche liegt schon eine Weile. Ein Pilz fängt an, sie zu zersetzen. So entsteht die eigenartige Färbung.
Warum nutzen Sie für gewöhnlich Bruchholz aus den Bergen?
Ein Bergahorn zum Beispiel wächst auf 1600 Metern Höhe extrem langsam. Er kann seinen Standort nicht zu Gunsten einer besseren Lebenssituation ändern. Er muss mit Steinschlag und Schneelast umgehen und kann den widrigen Bedingungen nur mit seinem Wuchs begegnen. Diese Unregelmäßigkeit spiegelt sich in der Holzstruktur. Solche Bäume sind an sich schon eine Skulptur, extrem individuell. Vor allem im frühen Frühjahr suche ich solches Holz, das von Lawinen mitgerissen wurde; Holz, das schon Charakter hat, den ich dann noch weiter sichtbar mache.
Wie machen Sie diesen Charakter sichtbar?
Ich habe nie einen Plan. Ich fange an mit dem Zustand, den der Baum schon hat, und taste mich dann langsam ans Ergebnis heran. Im Hinterkopf habe ich natürlich die Trocknungseigenschaften der Hölzer: Es ist ein Unterschied, ob ich einen Baumstamm finde, der im Spätwinter bei einer Lawine umgerissen wurde, aus dem der Saft komplett verschwunden ist – oder ob ich im Sommer einen frischen Apfelbaum bekomme, der wegen Bauarbeiten weichen muss.
An der Drechselbank
Sie sind in einer Wagnerei aufgewachsen, richtig?
Ja, in einer 400 Jahre alten Werkstatt, mein Vater betreibt sie noch heute. Wir haben unter anderem Transportschlitten hergestellt und das Holz selber geschlagen, auch das krumm gewachsene, für die Schlittenschnäbel. Am Stabilsten war das natürlich gewachsene Holz, aus den steilen Nordhängen. Wir haben die Wurzeln ausgegraben und dann den runden Teil des Stamms verwendet.
Auch wenn Sie keinen Plan verfolgen: Wie nähern Sie sich der Gestalt Ihrer häufig besonders dünnwandigen, geschichteten Objekte?
Die wichtigste Entscheidung steht am Anfang: Welches Stück vom Baum säge ich ab? Die Kettensäge ist das schnellste Werkzeug. Alles, was ich abschneide, verliere ich unwiederbringlich. Nach dieser Entscheidung beginnt die Arbeit mit dem Drechselmesser: Ich sehe die Formung, die Risse, das Kernholz und treffe auf der Grundlage dessen, was möglich ist, die Entscheidung, welche Form ich herausarbeite. Und ich überlege, wie sich das Stück beim Trocknen verhalten wird.
»Am Schluss macht das Holz selbst die finale Form des Werkes«
Was ist bei dieser Buche in Ihrer Drechselbank beim Trocknen anders als zum Beispiel beim Bergahorn?
Buche verzieht sich beim Trocknen mehr. Ich muss deshalb die Wandungen dünn genug machen, zwei bis drei Millimeter, dass sich die Spannungen beim Trocknen ausgleichen können. Als Vergleich: Wenn du von einem Stamm eine Baumscheibe von zwei Zentimetern abschneidest und die ins Wohnzimmer stellst, dann macht es eines Tages »peng« und dann platzt das Holz auf bis zum Kern. Wenn du sie aber ganz dünn schneidest, dann platzt oder reißt sie nicht, dann verformt sie sich.
Sie haben also nur begrenzten Einfluss auf die finale Form Ihrer Arbeit.
Am Schluss macht das Holz selbst die finale Form des Werkes, ja. Es geht zurück in sein ursprüngliches Gleichgewicht.
Um was geht es Ihnen bei Ihrer Arbeit?
Es geht darum, den Willen des Holzes maximal herauszuarbeiten.
In Ihrem Verständnis: Formen Sie oder legen Sie frei?
Ich glaube, ich lege frei. Dazu muss ich mich oft zurücknehmen. Ich kann nicht gegen den Baum arbeiten, ich muss mich fügen.

Wo gedrechselt wird: In der Werkstatt
Sie haben an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg Bildhauerei studiert. Wie war das?
Ich habe beim einem figürlich arbeitenden Professor studiert: 22 Studenten, in der Mitte ein Aktmodell und jede und jeder stand drumrum, nahm aus einer riesigen Tongrube das Material und formte die Figur. Es war sehr hilfreich, die Basis des bildhauerischen Sehens am figürlichen Modellieren zu lernen.
Haben Sie schon während des Studiums zu Ihrem Arbeitsfaden gefunden, zur Drechselarbeit mit Schadholz?
Überhaupt nicht. Ich kam aus dem Studium zurück ins Allgäu und dachte nur: Ja, was mache ich denn jetzt? Soll ich jetzt Aufträge für irgendwelche Brunnenskulpturen annehmen?
Dazu hatten Sie offensichtlich keine Lust.
Mir fiel auf, dass es da eine Faszination in mir gab, ein Wissen, das keine Selbstverständlichkeit war: Ich wusste, was für Eigenschaften Holz hat. Ich wusste, dass ich, wenn ich mit Holz arbeite, dem Holz folgen muss. Das war ein roter Faden, der mir gefiel. Und er hatte einen großen Vorteil.
»Warum arbeite ich hier an der Drechselmaschine? Romantisiere ich da vielleicht etwas?«
Welchen?
Im Studium hast du eine Idee, setzt sie im Rahmen eines Projekts um und dann ist’s fertig. Viel schöner ist es, wenn aus der einen Idee etwas Neues erwachsen kann: Wenn ich das Holz mit seinen Eigenschaften ins Zentrum meiner Arbeit lege, dann nährt das aktuelle Projekt das folgende Projekt.
Wie genau meinen Sie das?
Das eine baut auf dem anderen auf, das eine kann aus dem anderen entstehen. Ich habe große Lust, wenn ein Objekt fertig ist, mit dem Neuen zu starten, etwas Neues zu versuchen, mich leiten zu lassen. Wenn du diese Motivation spürst, ist das Wichtigste erreicht. Es ist sehr befriedigend, wenn man, wie hier mit dem Drechseln, einen solchen roten Faden in der Hand hält.
Ergibt sich dieses Wissen, dass man sein Ding gefunden hat, zweifelsfrei? Oder ist das mit viel Hadern verbunden?
Wie soll ich es erklären … Ich lebe, wie wir alle, in einer modernen Zeit. Ich weiß, okay, es gibt viele Sachen, viele Arbeitsweisen, die schneller von der Hand gehen. Deshalb stelle ich mir immer wieder Fragen: Warum arbeite ich hier an der Drechselmaschine? Romantisiere ich da vielleicht etwas? Bin ich ein verklärter Heimatliebhaber, der alte Bäume aus den Bergen schleppt und in seine Maschine klemmt und bis zu zwei Monate an einem Stück hinarbeitet? Ergibt das Sinn? Das überlege ich mir natürlich, das ist ja klar. Und dann sage ich: Nein. Es ist gut so. Es muss genau so sein.

Sie sind parallel zum Kunststudium geklettert, sehr erfolgreich, im Weltcup, Sie sind durch die Welt gereist. Wie hängt dieser Lebensstrang mit Ihrer künstlerischen Arbeit zusammen?
Beim Klettern stiefelst du an eine Wand hin und die steht da. Die steht da seit Zigtausenden von Jahren. Und du kommst mit deinen Skills, mit deinem Training und versuchst das, was jetzt Zustand ist, von der Natur gegeben, zu bewältigen – ohne Griffe zu schlagen, ohne eine Leiter zu montieren. Entweder du bist gut genug und schaffst es oder du schaffst es nicht. Dann musst du besser werden. Im Prinzip ist es bei meiner Arbeit genauso. Ich muss die naturgegebenen Herausforderungen, die jeder Baum hat, einfach respektieren und sagen: Mit den Möglichkeiten, die ich habe, schaffe ich es, eine Lösung zu finden.
Sie haben angedeutet, dass Sie sich selbst immer wieder nach dem Sinn Ihrer Arbeit befragen. Wo sehen Sie ihn?
Viele Sachen in unserer Gegenwart laufen nicht so gut, weil sie sehr schnell passieren. Für mich hat es deshalb einen Wert, eine gewisse Zeit mit etwas zu verbringen. Wenn mich etwas bindet, weil es aus meiner Sicht so sein muss, wenn ich zum Beispiel Schritt für Schritt dem Holz folge, überlege, entscheide, dann liegt darin eine Qualität. Und eine Chance. Nämlich die, dass ich den Zustand des Werkes immer wieder überprüfen kann. Ich kann immer wieder Entscheidungen revidieren. Ich kann mich anpassen. Ein langsamer Arbeitsprozess ist viel weniger riskant, viel weniger fehleranfällig – und deshalb sinnvoll.
Ich muss noch auf eine andere Erfahrung in Ihrem Leben zu sprechen kommen, in der Ahnung, dass auch sie mit Ihrer Arbeit zu tun haben könnte. Sie haben als Kind mehrere Jahre in den Bergen Kühe gehütet. Wie kam es dazu?
In Bad Oberdorf hielt früher jedes Haus zwei Kühe für den Eigenbedarf. Das Jungvieh aus dem Ort stand den Sommer über auf verschiedenen Galtalpen. Das sind unbewirtschaftete Alpen, auf denen keine Milch verarbeitet wird. Ein Erwachsener hütete all die Tiere, bis zu 300 Rinder, zusammen mit drei Kindern.


Fertige Werkstücke: Eindrücke aus Christoph Finkels Showroom
Sie waren eines der Kinder. Was war Ihre Aufgabe?
Aufpassen, dass das Vieh nicht zu hoch steigt, dass es rechtzeitig umdreht, dass es nicht abstürzt und so weiter. Die Alp-Flächen sind groß, es gibt keine Zäune. Ich habe das drei Sommer lang gemacht, als ich zwischen 12 und 14 Jahre alt war.
Wie war das?
Hart, dem Wetter ausgesetzt. Manchmal hat es im Sommer bis auf 1800 Meter geschneit. Du bist nicht heimgekommen und hast die gesamten Sommerferien auf der Hütte verbracht.
Wirklich?
Ja, und bei Wind und Wetter die ganze Zeit draußen sein – also das war schon eine elementare Erfahrung. Ich kann mich erinnern, einmal, da sollten wir mit 300 Rindern auf eine andere Alp umziehen und es war ein Wahnsinnsgewitter. In der Dunkelheit schlug der Blitz neben mir ein, ich warf den Regenschirm weg, lief zur Hütte runter, völlig aufgelöst. Und dann sagt der Erwachsene: »Schau, dass du das Vieh hereinbringst!« Und hat mich wieder rausgeschickt.
»Du sensibilisierst dermaßen in die Ruhe und in die Abgeschiedenheit hinein«
Was haben Sie aus der Zeit mitgenommen?
Als ich in den Sommern dort oben war dachte ich schon, so ein Scheiß! Ich hock jetzt da den ganzen Tag mit diesen blöden Viechern da, die anderen sind im Schwimmbad und machen da was Cooles und haben es lustig.
Das kann ich verstehen, gerade in dem Alter.
Dann aber ist da die andere Sicht. Du bist oben, hinten, im Tal, am Grat. Du siehst niemanden, nur deine Viecher und die drei anderen. Du sensibilisierst dermaßen in die Ruhe und in die Abgeschiedenheit hinein – wenn ich von der Alp nach Bad Oberdorf zurückkam, kam es mir vor, als käme ich in die Großstadt. In der Zeit wuchs eine gewisse Neugier auf die Welt heran. Ich wollte etwas sehen und erleben. Mein Ventil wurde das Klettern.
Sie fanden als junger Erwachsener ins Sportklettern und waren mehrere Jahre im Kletterweltcup aktiv. Wie ging das mit dem Kunststudium zusammen?
Die Kombination war mir wichtig, das eine für das andere zu schätzen. Im Kunststudium hat niemand meine Kletterei interessiert und im Klettern hat niemand mein Kunststudium interessiert. Es haben auch nur wenige jeweils von meiner parallelen Beschäftigung gewusst. Mir half das, weil mir immer klar war: Nimm dein Ding nicht zu wichtig, es gibt immer noch etwas anderes.
Was hat Sie am Klettern gereizt?
Die sehr intensive Herausforderung. Keiner hat dir was gesagt. Die Herausforderung war, dich selbst einfach besser zu machen, durch deine eigene Motivation.
Was war Ihr größter Erfolg?
Ich war in einer Saison im Gesamt-Weltcup Fünfter und habe einen Weltcup-Wettbewerb gewonnen.

Hinter und vor der Werkstatt von Christoph Finkel in Bad Hindelang:
Schadholz, vor der Verarbeitung, teils mit Gesicht
Sie sind später sogar Trainer des deutschen Nationalkaders im Bouldern und Sportklettern geworden. Was haben Sie den Kollegen beigebracht?
Wenn du trainierst, dann nützt es nichts, wenn du vier Stunden halb motiviert trainierst, nur, dass du deine Zeit abspulst. Trainiere lieber eine Stunde und gib in dieser Zeit einfach alles. Das war mein Motto: Energie komprimieren und dann aber wieder das andere machen.
Das ist nicht leicht.
Es hat viel mit Mentalität zu tun. Es hat immer Leute gegeben, die waren immer verbissen auf einem gewissen Level – aber die waren nie am Top-Level. Und dann gab es die Lockeren, auf dem Top-Level, die nach der Höchstleistung sofort loslassen konnten.
»Das ist manchmal das Anstrengendste: Entscheidungen treffen«
Wissen Sie, wann es in der Werkstatt gut ist, wann Sie aufhören können?
Genau, das ist das Problem: Wo ist die Grenze? Es gibt unglaublich viele kitschige Holzarbeiten, geschliffen, zu Tode poliert. Es ist ganz schwierig, sich rechtzeitig vom Objekt zu entfernen und nicht der handwerklichen Präzision zuviel Aufmerksamkeit zu schenken.
Finden Sie dieses Entscheiden und Nachdenken über den richtigen Loslasszeitpunkt anstrengend?
Ja, das ist manchmal das Anstrengendste: Entscheidungen treffen. Immer muss ich alleine die Entscheidungen treffen, wie ich als nächstes weitermache. Das ist etwas, was mich manchmal sehr viel Energie kostet. Deshalb bin ich froh, wenn ich zur Abwechslung eine Woche lang Brennholz schneiden kann. Ich sehe den Haufen Holz, spalte es, säge alles auf 33 Zentimeter und staple die Scheite hinter dem Haus. Ich muss dafür keine Entscheidung treffen und muss überhaupt nicht nachdenken. Herrlich, oder?
Christoph Finkel
Link: Auf Finkel Bowls findet sich mehr zu Christoph Finkel und seinen Arbeiten
Christoph Finkel auf Instagram: @christophfinkel
Instagram der Meisterstunde: @meisterstunde
Instagram von Gerald von Foris: @geraldvonforis