Silberschmiedin Bettina Dittlmann über’s Weitermachen: »Ich kam nie auf die Idee, aufzuhören. Bei aller Ungewissheit. «
Die Neue Sammlung in München oder das Victoria and Albert Museum in London besitzen ihre Arbeiten: Bettina Dittlmann wuchs in Niederbayern auf, wurde Silberschmiedin und studierte »Schmuck und Gerät« an der Akademie der Bildenden Künste und in den USA. Ein Gespräch über Drähte und Löten und die Suche nach dem persönlichen Ausdruck.
Fotos: Gerald von Foris
Lesezeit: 11 Minuten
Frau Dittlman, Sie wurden in Neugablonz im Allgäu zur Silberschmiedin ausgebildet, an der Berufsfachschule für Glas und Schmuck. Wie war das?
Toll, frei, und glücklich. Ich hatte am ersten Tag das Gefühl, angekommen zu sein. Uns wurde so viel ermöglicht und beigebracht.
Was genau hat Sie glücklich gemacht?
Ich habe zu Hause bei meinen Eltern nie handwerklich gearbeitet. In Neugablonz sollte ich plötzlich den Hammer in die Hand nehmen. Jeder von uns 30 Schülern, egal ob Männlein oder Weiblein, legte los und machte einfach und wurde ganz schnell fähig. Diese Selbstbefähigung, die hat mir total Spaß gemacht. Es war wie eine Sucht, keine Arbeit.
Was haben Sie gelernt?
Es ging natürlich um die Technik: Wie halte ich den Hammer? Wie halte ich eine Feile? Wie gieße ich etwas? Wie mache ich einen Henkel an eine Kanne? Das klingt einfach, aber ich bin ein ängstlicher Mensch, wenn es darum geht, mir Neues anzueignen. An dieser Schule, im Machen und im Lernen, konnte ich die Angst überwinden. Es gab nichts, was bremste. Wir schmiedeten Becher, Löffel, Tabletts …
»Hermann Jünger sagte: Vergleiche mit dem, von dem du schon weißt, dass es gut ist.«
Wer prüfte, wann es gut war?
Die Silberschmiede der Schule hatte den Meister Epp, den wir nur »Meister« nannten. Und der Meister sagte, wann es gut war. Er hatte, wie viele der Lehrer in unserer Ausbildung, ein akademisch geprägtes Auge. Er sah sofort, ob in einem Silbertablett ein Frosch war – ob es gerade stand, ob es gut dastand.


Alles im Werden: In der Werkstatt von Bettina Dittlmann
Sie besuchten nach der Ausbildung die Schmuckklasse von Hermann Jünger an der Akademie der Bildenden Künste in München. Wann war es dort gut?
Dort war alles viel freier, kein Stundenplan, keine Angaben. Hermann Jünger sagte immer: »Vergleiche mit dem, von dem du schon weißt, dass es gut ist.«
Das heißt?
Er sagte sinngemäß: Geh ins Museum und sieh dich um: Welche Objekte wurden für diese Ausstellung gewählt? Stell deine Arbeiten in Gedanken daneben und überlege: Was muss ich tun, um auf dieses Niveau zu kommen?
Muss die lehrende Person das Handwerk selbst perfekt beherrschen – oder genügt es, wenn sie eine gute Vermittlerin ist?
Der Meister in Neugablonz war wirklich perfekt, ihm war nicht anzumerken, dass er überhaupt ein Werkzeug in der Hand hatte. Das muss aber nichts heißen. Ich bin als Jugendliche geritten – und habe sehr gut Reiten gelernt von einem Mann, der nicht reiten konnte.
Wie?
Er hat uns Kinder mit Elan und Spaß angeleitet – wir haben beim Reiten Wasser auf dem Kopf balanciert und versucht, es nicht zu verschütten. Wir sind mit einer Hand geritten, mit Sattel, ohne Sattel, es war Spielerisch.

Haben Sie als Kind viel gebastelt?
Ich habe als Kind wahnsinnig viel gezeichnet und kleine Basteleien mit »Silber«-Draht angefertigt. Schon damals konnte ich nicht damit aufhören.
Womit?
Mit dem Schmuck. Es war schon damals eine Sucht; eine Sucht im Sinn von Freude.
Was erzeugt diese Freude? Ist es der Spaß daran, etwas ins Werk zu setzen, das vorher nur im Kopf vorhanden war?
Für mich ist es der Akt selbst. Sobald ich als Kind oder Jugendliche ein Motiv fertig gezeichnet hatte, habe ich das Blatt zur Seite gelegt und begann das nächste. Ich habe mir die Bilder nie an die Wand gehängt, es ging mir nicht ums Ergebnis. Auch wenn ich mir Ohrringe machte, ging es mir nicht ums Tragen, mir ging es um das Biegen und das Formen.
»Ich habe während des Machens keinen Zweifel,
weil im Machen Bilder und Möglichkeiten entstehen.«
Wie lange arbeiten Sie heute an komplexen Werkstücken?
Ein Objekt, in dem 1000 Pyrite stecken, dauert, natürlich mit vielen Unterbrechungen, bis zu einem halben Jahr.
Ist das eine Geduldsprobe?
Es ist die Essenz meines Lebens. Ich sage zu meinem Mann: »Ich gehe löten« – und verschwinde in der Werkstatt.
Verankern Sie vorab ein Bild im Kopf, auf das Sie zuarbeiten?
Ich hatte in meiner ganzen Arbeit nur ein einziges Mal das fertige Bild von dem Objekt im Kopf, an dem ich gearbeitet habe. Das war ein Herz aus gezwirbeltem Eisendraht mit 0,1 Millimetern Stärke. Sonst arbeite ich eher im Sinne des Komponisten und Künstlers John Cage: einfach machen. Es wird werden. Ich habe während des Machens keinen Zweifel, weil im Machen Bilder und Möglichkeiten entstehen. Könnte ich hieraus eine Kette machen? Hieran eine Öse löten? Wenn man so will, plane ich parallel zum Löten. Mein Lehrer Fred Woell in den USA hat immer wieder gesagt: »Lasst die Sache nicht kalt werden, geht nicht weg, bleibt dabei.« Und dann findest du wieder einen Weg, eine Form, ein Interesse.
Gemeinsam mit ihrem Mann Michael Jank fertigt Bettina Dittlmann FÜRIMMERRINGE: aufgedornte und geschmiedete Ringe aus purem Gold, Silber, Kupfer oder Eisen. Mehr als 3000 Exemplare sind in der hauseigenen Schmiede bis heute entstanden und werden vor allem über Galerien vertrieben, unter anderem bei Hannah Rembeck und Anna Pirk .
Sie haben an der Akademie der Bildenden Künste bei Hermann Jünger und Otto Künzli studiert, in den USA bei Fred Woell und Jamie Bennett. Wie prägend sind solche Professorenfiguren?
Hermann Jünger interessierte die Ästhetik, Otto Künzli das »Warum« einer Arbeit. Jamie Bennett verstand, dass ich Farbe und Emaille brauche, Fred Woell war psychologisch geprägt. Er klopfte einem im Vorbeigehen auf die Schulter und sagte: »You are already there, you just don’t know it.«
Wem haben Sie sich in München näher gefühlt?
Im Herzen war ich Jünger näher, im Kopf Künzli. Von ihm gibt es eine Arbeit, die mich noch immer außer Rand und Band bringt.
Welche?
Er schaltete Annoncen in Zeitungen und kaufte alte Eheringe auf. Er schnitt sie auf und lötete sie wieder zusammen – zu einer Halskette mit 48 Eheringen. Diese Kette in der Hand zu halten ist das reine Gruseln. Es ist irre. Das ist nach wie vor eine der stärksten Schmuckarbeiten, die es gibt.
»Ich füge Draht zu Draht, dann Emaille dazu, Schicht für Schicht. Oder ich lasse einen Kreis wachsen, Lotpunkt um Lotpunkt, gefasster Granat um gefassten Granat.«
Wie beschreiben Sie Ihre eigene Arbeit?
Es gibt Zeiten, in denen ich rein addierend arbeite, aus einem Machensbedürfnis.
Was heißt das?
Ich füge Draht zu Draht, dann Emaille dazu, Schicht für Schicht. Oder ich lasse einen Kreis wachsen, Lotpunkt um Lotpunkt, gefasster Granat um gefassten Granat. Ich löte und löte und das Stück wächst. Andere arbeiten subtrahierend, etwa mit Wachs, und fügen zu und tragen ab. Ich addiere.

Eben haben Sie angedeutet, dass Sie in der Akademie freies Feld hatten, dass es nur ab und zu formulierte Aufgaben gab. Wie finde ich in einem Umfeld meinen persönlich Ausdruck, in dem alles möglich ist?
Vorweg muss ich sagen: Ich habe mich damals im Studium in München relativ gelähmt gefühlt. Das erste Arbeitsthema hieß »Aus einem Blech«. Meine Kommilitonen waren schnell schon sehr weit und ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich experimentierte und zerstach und zerschnitt Blech und versuchte über die Technik an Themen und in die Arbeit zu kommen. Aber ich war mit dem Ergebnis nicht glücklich. Niemand sagte mir: Geh hier hin, mach dies und dann das. Wenn ich nur jemand hätte, dachte ich damals, der für mich entscheidet, in welche Richtung es gehen kann.
Wie haben Sie sich entschieden?
Ich unterbrach das Studium in München und ging nach Amerika, an die State University of New York at New Paltz.
»Das Zeichnen war ein toller Weg aus der Sackgasse:
Über das Tun formierte sich etwas, verband sich in mir etwas, schwarzer Stift auf weißem Papier, das ist das, was immer gut tut.«
Die USA waren damals noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. War es dort leichter?
Dort war immerhin das Studium viel strukturierter. Ich war noch so jung, das tat mir gut. Es gab Kurse in Kunstgeschichte, in Filmgeschichte. Ich fing an, meine Arbeiten zu zeichnen. Über das Zeichnen kam ich zur Linie und von der Linie zum Konglomerat von Linien und über das Konglomerat von Linien zum Eisendraht und zum Löten.
Sie sind der Suche nach dem eigenen Ausdruck nach Amerika ausgewichen – und haben sich ihr im Zeichnen von der Seite wieder genähert. Kann man das so sagen?
Ja. Das Zeichnen war ein toller Weg aus der Sackgasse: Über das Tun formierte sich etwas, verband sich in mir etwas, schwarzer Stift auf weißem Papier, das ist das, was immer gut tut. Übers Zeichnen entwickelte ich Gewissheit und Sicherheit.
»Ausprobieren, emaillieren, bestaunen. Und nochmal. Und nochmal.«
Hatten Sie sich zu jener Zeit je gefragt, ob die Kunst, in dieser Form, das Richtige für Sie war?
Sagen wir so: Ich war relativ lang unsicher. Mir war wirklich nicht klar, wo mein Arbeiten hinläuft. Aber ich kam nie auf die Idee, aufzuhören. Nie. Bei aller Ungewissheit.
Ist das das Wesentliche in allem Schaffen: Trotz ungewissem Ausgang weitermachen?
Mir war klar, ich höre nicht auf, bis ich was gefunden hab. Und mir war klar, ich höre auch dann nicht auf, wenn ich was gefunden habe. Und so ist es. Ich hab noch nie aufgehört und ich werde nicht aufhören.
Warum hören Sie nicht auf?
Weil mich diese Arbeit zu sehr interessiert. Das Löten. Das Emaillieren. Weil es mich am meisten definiert. Wenn ich lange Zeit nicht an meinem Werkstatttisch arbeite, geht es mir nicht gut. Emaillieren ist wie eine Sucht: Du hast einen trockenen Gegenstand, auf den du ein trockenes Pulver gibst. Du schiebst es in den Ofen. Und was dann geschieht, ist fast außerhalb deiner Kontrolle. Nach wenigen Sekunden ziehst du es heraus, der Draht ist emailliert – und ein neues Objekt. Ausprobieren, emaillieren, bestaunen. Und nochmal. Und nochmal.
Im Garten: »Meine Neue Sammlung«, sagt Bettina Dittlmann
Das Leben speist sich unter anderem aus den Motiven Wachstum und Veränderung. Ist es das, was den Kick in dieser Arbeit erzeugt?
Vielleicht ist es beides. Dem Stück, das vorher farblos war, wächst Farbe hinzu. Das ist fast wie bei einer Blüte: Erst ist da nichts und dann drängt sie nach oben und macht auf! Und Veränderung: Erst sind meine Stücke relativ flexibel. Dann kommen sie ins Feuer und werden starr, wie Glas. Gleichzeitig habe ich lange Zeit damit gerungen, dass ich meine Form nicht verlassen kann, dass sich die Form nicht verändert …
Wie meinen Sie das?
Ich arbeite hinzufügend, intuitiv, automatisch – und lande doch immer wieder beim Kreis. Das hat mich lange beschäftigt. Warum komme ich nicht aus diesem Kreis raus? Warum mache ich immer rund? Ich plane nicht, lasse es immer laufen, und dann: rund! Ich habe dann bewusst chaotische Zeichnungen gemacht. Aber es ging nicht.
Rund, immer wieder
Warum?
Wahrscheinlich spielt mein Harmoniebedürfnis eine Rolle. Wahrscheinlich mein Interesse an historischem Schmuck: Über Jahrhunderte präsentierte sich der Staat durch Schmuck, meist kreisförmig, weil der Staat immer zentral organisiert ist. Etwas ins Chaotische zu planen geht eigentlich nicht. Erst mit dem Magnet fand ich aus dem Kreis hinaus.
»Ich übergebe dem Magneten also meine Arbeit – die sich von allein neu organisiert.«
Wie?
Als mein Vater, ein Elektroingenieur, verstorben war, erbte ich seine Magnete aus der Werkstatt im Keller. Kreisrunde Magnete, mit denen ich experimentiert habe. Das war 2017, nach der Wahl in den USA. Wenn ich meine gelöteten Drähte an den Magnet gab, entstand Chaos. Und doch blieb das Chaos in einer magnet-gegebenen Ordnung: Ich übergebe dem Magneten also meine Arbeit – die sich von allein neu organisiert und sich auch durch Verlust ständig verändert. Ein interessanter Moment. Inzwischen verwende ich magnetischen Zunder, wie er bei der Oxidation von Eisen entsteht.
Warum?
Nachdem ich erst aufwendig Objekte kreiert hatte, um sie vom Magnet in Un-Ordnung bringen zu lassen, suchte ich nach einem Material, das die Auflösung meiner gestalterischen Entscheidungen symbolisiert. So kam ich zum Zunder, wie er zum Beispiel auch im Prozess des Schmiedens von eisernen Ringen entsteht. Für die darauf folgenden Arbeiten fand ich dann ganz besonderen Zunder, in der Klöppelschmiede Wensauer, bei uns in der Nähe: Das ist eine Werkstatt, die Glockenklöppel schmiedet, etwa für die Glocken von Notre Dame, für die St. Patrick’s Cathedral. Diesen Zunder habe ich zu Staub gemörsert, der wie Maulwurfsfell wirkt. Ich kann ihn vom Magneten abstreifen und wieder neu aufnehmen lassen – jedes Mal sieht das Stück anders aus, der Magnet entscheidet über die Form. Und für mich ist es, als könne man die Glocken im Objekt schwingen hören.
Wie das Fell eines Maulwurfs: Eine Kette mit Magnet und Zunder
Können Sie sagen, wer Sie als Kind oder Jugendliche besonders geprägt hat?
Ja, ich hatte von der 5. bis zur 13. Klasse dieselbe Kunsterzieherin, Agelinde Scholl. Sie war der Grund für meine Liebe zur Kunst.
Wirklich?
Sie hat mich gefördert und für mich gekämpft, auch vor meinen Eltern, als ich mich an der Akademie der Bildenden Künste bewarb, als ich auf dem Weg nach Amerika war. Ich bin noch heute mit ihr befreundet.
»Jedes Mal, wenn ich mit ihr ein Gespräch gehabt hatte, war ich durchgeschwitzt, so unbedingt wollte ich ihr eine würdige Gesprächspartnerin sein.«
Was hat Sie Ihnen vermittelt?
Wie ich Farben mische, wie Strukturen und Kontraste entstehen. Wie verdichten sich Linien, wie gehen sie auseinander? Ich habe Zeichenblöcke aus der Schulzeit wiedergefunden – und all die Linien und Strukturen wiederentdeckt. Ein irres Gefühl: Es war alles schon da. Alles schon angelegt, weit vor meiner Suche.
Was haben Sie von Frau Scholl gelernt?
Sie fragte uns immer ab – welche Bücher wir gerade lesen, was in Mathe passiert, in Physik, sie schlug Bögen zwischen den Disziplinen. Jedes Mal, wenn ich mit ihr ein Gespräch gehabt hatte, war ich durchgeschwitzt, so sehr verehrte ich sie, so unbedingt wollte ich ihr eine würdige Gesprächspartnerin sein. Sie zeigte mir, dass Kunst nur dann Kunst ist, wenn sie mit allem verknüpft ist.

Im Jahr 2020 wurde Bettina Dittlmann mit dem renommierten Danner-Preis ausgezeichnet, hier ihre Biografie auf der Seite der Danner Stiftung. Der Beitrag von Sandra Wiest im Bayerischen Rundfunk zeigt unter anderem, wie Dittlmann eine Kopie der Schwarzen Madonna von Altötting neu einkleidet und mit einer magnetischen Krone versieht.