Künstler Berthold Hoffmann über seine gusseisernen Kochgeräte: »Die einfache Form bündelt Energie«
Er entwirft und formt Pfannen oder Töpfe aus Gusseisen, mit seiner Arbeitsweise gehört er zu einer seltenen Spezies: Ein Gespräch mit Berthold Hoffmann über die Freude am Eisen und die Suche nach dem Funktionalen und Schönen. Außerdem ein sehenswerter Blick in die Eisengießerei Max Ginter, wo Hoffmanns Entwürfe Wirklichkeit werden. Alle Bilder: Gerald von Foris

Herr Hoffmann, wir treffen uns in Ihrem Atelier in Nürnberg. Was machen Sie hier?
Ich fertige Metallarbeiten jeglicher Art, vor allem aber Kochgeräte aus Gusseisen. Dadurch, dass es immer mehr Induktionsherde gibt, erlebt das Gusseisen eine Renaissance.
Wie sind Sie zum Gusseisen gekommen?
In meinem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg habe ich zunächst Schmiedearbeiten mit Silber, Messing oder Kupfer gemacht. Mein Professor, Erhard Hössle, arbeitete viel mit Gusseisen. Ich fand die Technik gleich spannend, weil ich dabei, anders als bei Schmiedearbeiten, mit Spachtelmasse ein Modell formen kann.
Das heißt?
Ich kann viel plastischer arbeiten.
Und was gefällt Ihnen am Eisen?
Gusseisen hat mich regelrecht gefangen genommen. Vielleicht brauche ich den Widerstand des Materials, den ich immer wieder überwinden muss.
Wie entwickeln Sie zum Beispiel eine Pfanne?
Ich bilde den Grundkörper aus Kupfer- oder Messingblech. Den arbeite ich plastisch aus, indem ich Kunststoffspachtelmasse hinzufüge. Inzwischen konstruiere ich diese handgefertigten Modelle nochmal am Computer nach. Und mein Werkzeugbauer erstellt dann auf dieser Basis mit einer CNC-gesteuerten 5-Achs-Fräsmaschine das sogenannte Werkzeug, mit dem in der Gießerei die Sandform erstellt wird, in die das flüssige Eisen gegossen wird.
Warum konstruieren Sie nicht sofort am Computer?
Während des Arbeitens an einem analogen Modell entwickle ich ein Gefühl für Form und Haptik, das mir am Computer abgeht. Am Bildschirm habe ich kein gutes Gefühl für die Proportionen.

Ihre Pfannen haben einst das Titelbild des Manufactum-Katalogs geziert. Fachleute erkennen Ihre Kochgeräte sofort am Griff.
Ja, meine viereckige Pfanne, der quadratische Tischgrill und der rechteckige Bräter, die wurden mehrere Jahre von Manufactum vertrieben. Die Grifform hat einen hohen Wiedererkennungswert.
Wie ist dieser Griff entstanden?
Für mich sind Griffe Funktionselemente …
Das heißt?
Eine klare, eindeutige Form ist mir ganz wichtig. Der Mensch soll beim Nutzen von nichts abgelenkt werden. Wenn Sie sich am Tisch vor einen gusseisernen Bräter setzen, kommen Sie zur Ruhe. Das Teil ist minimalistisch, aber voll funktionsfähig. Die einfache Form bündelt in gewisser Weise Energie.

Nun ist das mit der Einfachheit immer so leicht dahingesagt. Wie gelingt Einfachheit im Gestaltungsprozess?
In meiner Gestaltung versuche ich mit minimalen Mitteln eine optimale Funktionalität zu erreichen. Vielleicht hat es mit meiner Persönlichkeit zu tun, ob ich in der Lage bin, Einfachheit zu vermitteln?
Wie meinen Sie das?
In den Achtziger Jahren bin ich mit Freunden durch die Sahara gereist. Die Erfahrung, zu sehen, wie Menschen wirklich nur mit dem leben, was sie notwendig brauchen, als Nomaden in der Wüste, in so einer kargen Landschaft – das war für mich sehr beeindruckend. Das, was diese Menschen mit sich geführt haben, war wirklich das, was für ihr Leben notwendig war. Kein Überfluss. Ich habe damals verstanden, dass Leben mit viel weniger geht. Ein sehr starker Eindruck, der mein Arbeiten prägte.
Sie entwerfen eine Pfanne, geben das Modell zum Werkzeugmacher, schicken das »Werkzeug« zur Gießerei. Was geschieht, wenn Sie das gegossene Werkstück dort abholen?
Vom Rohguss müssen zuerst die Anguss- und Abluftkanäle entfernt werden. Dann werden Gussgrate, die am oberen Rand der Pfanne entstehen, beigeschliffen, wodurch die Pfannen die von mir geplante Form erhält. Dann überschleife ich die Pfannenoberfläche grob und gebe sie zum Sandstrahlen. Anschließend kommt das Schwarzbrennen, in meinem Ofen hier im Atelier.
Im Werkstattkeller, beim Entgraten und Beischleifen

Was ist Schwarzbrennen?
Ich brenne bei 350 Grad Leinöl in die Oberfläche ein. Der Vorgang erzeugt eine schützende Patina aus Kohlenstoff, an der kein Rost und auch keine Speisereste haften bleiben.
Ihre Pfannen haben zwei Griffe. Hier am Tisch in der Werkstatt sehe ich ein Pappmodell einer Pfanne mit einem Stiel. Eine Neuentwicklung?
Komischerweise fragen mich die Leute auf den Ausstellungen immer nach Pfannen, und dann sage ich: Da sind doch Pfannen! Meine Pfannen haben lediglich zwei Griffe und keinen Stiel. Aber: Die Menschen wünschen sich Pfannen mit Stielen, nicht mit Griffen.
So sind es wohl die meisten gewohnt. Sie hatten bislang keine Pfannen mit Stiel im Angebot?
Dagegen habe ich mich lange gewehrt, weil eine gusseiserne Pfanne an einem Stiel schwer zu halten ist. Jetzt will ich es aber doch versuchen, in einer leichten Variante, daher die Entwürfe.
Berthold Hoffmann arbeitet an einer Pfanne mit Stiel, im Bild die Entwicklungsstufen
Sie fertigen hier in Nürnberg seit mehr als vierzig Jahren Kochgeräte. Hat Sie nie die Freude an dieser Arbeit verlassen?
Nein, nie. Mit diesem Material umzugehen ist einfach geil! (lacht)
Gut, das ist ein Wort.
Sie gehen morgens in die Werkstatt, nehmen das Material in die Hand und nach ein paar Stunden haben sie etwas vor sich stehen – ganz egal in welcher Form, ganz egal ob das jetzt nützlich ist oder ob das wirklich was bringt. Sie haben etwas geschaffen. Vielleicht haben Sie sogar ein Ding geschaffen, das es auf der Welt sonst nicht gibt. Das finde ich wahnsinnig befriedigend.
Das ist Selbstwirksamkeit in ihrer reinen Form, oder?
Ja.
Gibt es in Deutschland viele Künstler, die so arbeiten wie Sie?
Mit der beschriebenen Arbeitsweise bin ich nach meinem Wissen allein auf weiter Flur.

Welches Gefühl oder welche Wirkung sollen Ihre Geräte erzeugen?
Sie sollen eine gewisse Selbstverständlichkeit ausstrahlen. Dass man sieht: Es kann nur so sein, wie es ist.
Woher stammt das Wissen darum, dass etwas Selbstverständlichkeit ausstrahlt?
Ich entwickle die Dinge überwiegend im Kopf. Irgendwann habe ich eine plastische Vorstellung von dem, wie es sein muss, und übertrage es in die Wirklichkeit.
Ist so auch Ihr Griff entstanden?
Beim Griff hatte ich Vorbilder. Er ist beeinflusst von griechischer Keramik und von asiatischen Bronzegefäßen. Dort gibt es Griffe, die recht streng nach oben gehen. Die sind schön, funktionieren aber nicht: Sie brauchen für die Funktion einen Abstand vom Gefäßkörper. Und natürlich soll es ein Griff sein, der zur Hand passt.
Sie versuchen Funktionalität und Schönheit zu verbinden.
So ist es. Die Form ist das Dekorationselement.
Mehr zu Berthold Hoffmanns Arbeit auf hoffmann-metallgefaesse.de
Flüssiges Eisen: Wo Berthold Hoffmanns Kochgeräte entstehen
Die Eisengießerei Max Ginter in Neumarkt in der Oberpfalz mit ihren gut 30 Mitarbeitern gehört zu den wenigen Eisengießereien, die es in Bayern noch gibt. Die Facharbeiter gießen zum Beispiel Getriebegehäuse oder Gussteile für Sondermaschinen – oder die Kochgeräte von Berthold Hoffmann.
Der Gießereifachingenieur Michael Wildmann ist bei Ginter Betriebsleiter und sagt, dass sich die Verfahren des Eisengießens in den vergangenen Jahrzehnten im Wesentlichen nicht geändert haben: Die Gießformen werden in einem speziellen Sand hergestellt und dann mit flüssigem, heißen Eisen gefüllt.
Was sich ändert, ist die Wertschätzung für diese Urform der Metallformgebung. »Das ist eine Industrie, die riecht und stinkt und in der mit Feuer hantiert wird. Aus Deutschland wird sie früher oder später verschwinden«, sagt Wildmann.
Michael Wildmann, Betriebsleiter
So archaisch die Arbeitsweise wirkt, so modern funktioniert der Betrieb. Seit zwei Jahren bietet die Gießerei ihren Fachkräften eine Viertagewoche. Viele Mitarbeiter sind froh um den fünften freien Tag und bleiben dem Gewerk nun länger treu.
Trotzdem ist es nicht leicht, Nachwuchs zu finden. »Zurzeit habe ich keinen Lehrling«, sagt Michael Wildmann. »Es will sich keiner mehr die Hände dreckig machen. Aber ich glaube, das wird sich ändern. Weil viele Schulabgänger Angst vor der Künstlichen Intelligenz bekommen, und deshalb wieder auf Berufe schauen, in denen Handarbeit gefragt ist.«
Übrigens: Im Eisen, das die Gießerei Ginter schmelzt und vergießt, stecken unter anderem gebrauchte Bremsscheiben. Ein Stück Nachhaltigkeit.
Beim Eisenschmelzen und Umfüllen

In einem Durchgang werden verschiedene Formen gefüllt
Eine Sandform mit Hoffmanns Pfanne beim Verfüllen
Berthold Hoffmann, übernehmen Sie
Mehr zur Arbeit der Eisengießerei Ginter auf maxginter.de
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